Was wählen Sie heute eigentlich?

Heute entscheidet es sich. Merkel oder Steinbrück, schwarz oder rot, alles wie gehabt oder doch Überraschungen? Und was machen alle anderen Parteien, die mehr denn je das Zünglein an der Waage sein können?

Wie vor jeder Wahl treten Politiker natürlich in erster Linie für ihre eigene Partei, ihr eigenes Programm und letzten Endes dann auch für ihren eigenen Wahlkreis und somit Arbeitsplatz an und ein. Dennoch ist das eigentlich interessante ja, bei dieser Wahl mehr als bei einigen vorigen, welche Konstellationen und Koalitionen möglich sind oder ausgeschlossen werden. Zu letzteren zählt, zumindest wenn man den Aussagen von Spitzepolitikern der Fraktionen rot und grün glauben soll, eine Koalition ihrer beiden Lager mit der Linkspartei. Diese wird nicht für regierungsfähig gehalten, andererseits bietet sie aber womöglich die einzige Möglichkeit für die SPD, erste politische Kraft in der Regierung zu werden und damit für Peer Steinbrück, seinen Berufswunsch zu erfüllen.

Auf der anderen Seite herrscht natürlich, von allen Beteiligten einvernehmlich erklärt, das große Bestreben, die nach eigener Aussage „erfolgreiche Arbeit der vergangenen vier Jahre“ fortzusetzen. Die Unionsparteien und FDP hätten demnach am liebsten eine Fortsetzung der schwarz-gelben Koalition. Oder etwa doch nicht? Schon im einzigen TV-Duell merkte die Bundeskanzlerin an, Peer Steinbrück entscheide nach der Wahl nicht über die Art der Regierungsbeteiligung der SPD. Das klingt zumindest nicht nach einer Absage an eine große Koalition. Wozu auch? Schließlich ist es nicht unbedingt unwahrscheinlich, dass der „geliebte“ Koalitionspartner FDP den Einzug in den Bundestag gar nicht schafft. Um das zu verhindern, sollen ja nun, wieder einmal, Unionsanhänger der FDP ihre Zweitstimme „leihen“.

„Wer Merkel will, wählt FDP“ erklärte Rainer Brüderle nach dem vernichtenden 3%-Ergebnis der FDP bei der Bayernwahl. Klingt logisch, schließlich hat ganz offensichtlich auch in Bayern FDP gewählt, wer Seehofer wollte. Nicht!
Klar, die Ausgangslage im Bund ist eine andere, hier muss die FDP eine große Koalition wohl mehr fürchten als in Bayern. Und die CDU ist weit entfernt von einer absoluten Mehrheit. Jedenfalls ist aus dem Unionslager schon die ganze Woche über deutlich zu vernehmen, man habe keine Stimme zu verschenken, auch nicht an die FDP, die aber natürlich der bevorzugte Koalitionspartner bleibe. Ah ja. Zu verschenken, richtig. Ich fragte mich auch schon, wann die CDU ihre an die FDP „verliehenen“ Stimmen denn zurückbekommen sollte. Diese Kampagne nützt selbstverständlich der FDP, aber keinesfalls der CDU, wie nachzulesen ist.

Aber wenn die CDU in einer großen Koalition deutlich an Macht einbüßen würde und, wie beide Lager im Wahlkampf immer wieder deutlich machten, sehr große Unterschiede zwischen beiden Parteien und Programmen bestehen, insbesondere in Steuer- und Familienpolitik, rot-rot-grün nicht gewollt und schwarz-gelb vielleicht nicht möglich ist, stelle ich doch insgeheim die Frage an alle Politiker, die eine politisch gute Lösung für die Bundesrepublik und nicht in erster Linie für sich selbst anstreben:

Was wählen Sie heute eigentlich?

Wählt Merkel nun doch FDP, weil wer Merkel will das ja tut? Wählt Steinbrück plötzlich grün, weil nur so sein Wunschpartner genügend Stimmen zur Koalition beiträgt? Wählt Sigmar Gabriel gar CDU, damit er in einer großen Koalition wenigstens nicht wieder in der Opposition und, noch schlimmer, ohne Ministerposten dasteht? Wählt Jürgen Trittin nun doch lieber SPD oder Linke, damit, mit oder ohne Steinbrück, nach der Wahl der Weg ins Finanzministerium frei wird? Wählen Unionspolitiker vielleicht sogar lieber kleine Parteien, die eine weniger große Erfolgsaussicht auf einen Einzug ins Parlament haben? Schließlich bringt das dem Wahlsieger nach absoluten Stimmen, der die CDU zweifelsfrei werden wird, mehr Sitze im nächsten Bundestag ein.

Und wenn nun schon ganz offensichtlich die Politiker nicht mehr so recht wissen können, was sie eigentlich wählen sollen, damit nach der Schließung der Wahllokale heute Abend ein Ergebnis zutage tritt, mit dem sie arbeiten und ihre Positionen umsetzen – und damit Wahlversprechen einhalten können, was mache ich dann? Wochenlang wurden Thesen aufgestellt und in den Raum, zeitweise auch wieder umgeworfen, Meinungen ausgetauscht und Gegenmeinungen für falsch und wertlos erklärt. Monatelang wurden vor allem Personen und Gesichter in den Vordergrund gestellt. Wenige Tage lang wurde auf wirkliche Themen gesetzt, zu denen dann in der Kürze der Zeit nicht mehr ausreichend Stellung bezogen werden konnte, sodass ich, der Wähler, auch wirklich wissen konnte, was gewählt werden muss, damit in den nächsten vier Jahren umgesetzt wird, was ich mir wünsche, für mich und für mein Land. Ich habe schon gewählt. Auch wenn ich es versucht habe, so lange hinaus zu zögern wie möglich, um vielleicht doch den einen entscheidenden Impuls zu vernehmen oder erhalten, der meine Entscheidung eindeutig macht. Passiert ist das nicht. So bleibt mir nur, mich heute den ganzen Tag bis zur Verkündung des Wahlausgangs zu fragen:

Hat das, was ich nun gewählt habe, auch den gewünschten Effekt?
Oder was wählen Sie heute eigentlich?

Auch nach dieser Wahl wird es nur eine Frage der Zeit sein, bis viele Menschen nicht zufrieden sind mit den Vorschlägen und Lösungen der neuen Bundesregierung. Grund dazu haben aber natürlich nur all diejenigen, die auch ihre Stimme dazu abgegeben haben. Was alle anderen freilich auch nicht davon abhalten wird. Aber vielleicht sind ja auch alle glücklich und zufrieden. Hoffen kann man ja mal.

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