In between

Der Besuch von Stephan Masurs Varietespektakel ist mittlerweile schon fast eine Tradition geworden. Immerhin spielt das wechselnde Ensemble nun schon im 13. Jahr im Senftöpfchen Theater in Köln.

Stephan Masurs Varietespektakel: Cirque de Tuque in between, Logo

Stephan Masurs Varietespektakel: Cirque de Tuque in between

Natürlich nutze ich wieder die Gelegenheit, das zu erleben. Mitten in der Stadt, zwischen Dom und Rhein erlebt man hier aufregendes, spannendes und witziges Varieté, wie man es so nicht erwarten würde. Eben dieses Unerwartete macht den Unterschied aus zu anderen Shows. Wer das Varietespektakel besucht, erlebt kein klassisches Varieté, aber ganz sicher immer Spektakel und wird zuweilen auch – mehr oder weniger freiwillig – selbst ein Teil davon. Die Choreografien sind aufeinander abgestimmt, ohne glatt gebügelt zu sein, es gibt keine Geschichte, von der sich das Publikum berieseln lassen kann und auch die Künstler selbst sind in mehrfacher Hinsicht außergewöhnlich.
Das gilt ganz besonders in diesem Jahr. „Cirque de Tuque in between“ lautet der Titel und zugleich das Motto unter dem ein rein männliches Ensemble seine Fähigkeiten auf die Bühne bringt. Aber was heißt schon rein männlich? Gleich zum Auftakt schlüpft der erste von ihnen nach dem Vorbild seiner Puppe in ein Kleid und ist auch für den restlichen Abend nur noch in wechselnden Kleidern zu sehen. Es entsteht ein erster Eindruck davon, wie das Motto „in between“ zu verstehen sein kann. Schon nach wenigen Augenblicken gelingt es dem Ensemble, allen voran Stephan Masur, alle Anwesenden in eine Welt zwischen Träumen, Wünschen und Wirklichkeit zu entführen, sich selbst eingeschlossen – das Motto ist also absolut naheliegend.

Immer wieder werden die Einzeldarbietungen der Künstler von gemeinsamen Choreographien und kurzen, fast schon philosophisch anmutenden Moderationen unterbrochen und angekündigt. Es entsteht eine Art roter Faden ohne das tatsächlich ein feste Geschichte erzählt wird. Und dennoch spürt man als Zuschauer die Entwicklung, was die Chemie unter den Anwesenden angeht. Sowohl die persönliche Bindung zum Publikum wird immer näher, immer intensiver, je länger die Show dauert, als auch die Bindung unter den Darstellern entwickelt sich. Die tänzerischen Darbietungen der Künstler erzeugen am Anfang der Show ein gemeinsames Bild, da die Bewegungen aufeinander abgestimmt und ähnlich sind und dennoch tanzt jeder für sich. Das ändert sich, je später der Abend wird, bis sich kurz vor dem Ende die Atmosphäre beim ausdrucksstarken Tanz im Hin und Her, Auf und Nieder dreier mehr oder weniger umfangreich bekleideter Männer fast schon erotisch auflädt und sie eng verschlungen einen Moment lang auf der Bühne verharren, bevor sie sie für den nächsten Showact freigeben.

Varietespektakel: Olivier Smith Wellnitz, Hula Hoop

Oliver Smith Wellnitz, Hula Hoop

Denn auch wenn die Show in einzelne Darbietungen unterteilt ist, die auf den ersten Blick nicht viel miteinander gemein haben, hat man immer das Gefühl, alles baut aufeinander auf und ist irgendwie Teil eines großen Ganzen. Wenn Oliver Smith Wellnitz unter seiner Wolfsmaske am Trapez durch das Theater schwebt, entstehen atemberaubende Bilder, die mit einem einzelnen Foto kaum festzuhalten sind – schon gar nicht von mir. Wie gut, dass er auch noch Hula Hoop kann – nur ein kleines bisschen natürlich 😉 Als Mike Chao mit seiner Illusionskunst beginnt, wirkt das wie eine gute Show, die ich so oder so ähnlich aber auch schon gesehen habe. Doch je länger er auf der Bühne steht, umso unfassbarer wird das, was er mit kleinen Gesten und Gegenständen zaubert. Immer wenn ich denke, einem Trick auf die Schliche gekommen zu sein, setzt er noch einen drauf. Nach dem Auftritt gibt es regelrechte Beifallsstürme. Kalle Pikkuharju hat mit seiner Performance noch nicht ganz begonnen, da kommt mir der Gedanke: „Na großartig, und jetzt kann er sich wahrscheinlich auch noch unfassbar gut bewegen!“ – und genau so ist es natürlich. Jede Art von Kontorsion ist auf ihre Weise beeindruckend. Doch was der Junge nur allein durch Körpersprache ausstrahlt, gepaart mit den Bewegungen die er vorführt, kann man einfach nicht beschreiben, das muss man sehen. Und man will es sehen! Bedächtig, zurückhaltend, geradezu engelsgleich (um in der Sprache des Moderators zu sprechen) füllt er auch außerhalb seiner Einzeldarstellung immer wieder die Bühne, ist Teil der Geschichte, die, obwohl sie nicht zur Berieselung taugt, sich eben doch wie ein ganz feiner roter Faden durch den Abend spinnt. In der Welt zwischen Wünschen und Wirklichkeit, in der sich die ganze Show bewegt, ist er derjenige, der nach außen hin unverändert bleibt, aber sich innerlich wandelt. Man muss schon sehr genau hinsehen um diese Metaphorik zu erkennen, aber es stört eben auch gar nicht weiter, wenn man sie nicht sieht. Und genau das macht diese Show aus, diese vielen kleinen Elemente, die ein Gesamtbild schaffen, auch ohne dass man jedes davon im Einzelnen wahrnimmt. Typisch Stephan Masurs Varietespektakel.

Varietespektakel: Kalle Pikkuharju, Kontorsion

Kalle Pikkuharju, Kontorsion

Und immer wieder ist da eben dieser Stephan Masur, der auf seine unnachahmliche, komische Art über die Bühne jongliert oder die Zuschauer mit seiner Seifenblasenkunst in ihre Kindheit zurück versetzt – oder sie einfach selbst in die Show integriert: Mal muss ein Zuschauer ihm aus dem Mantel helfen, mal darf man Accessoires von der Bühne schaffen und manchmal arbeitet man sogar beim Aufbau des nächsten Programmpunktes mit, wenn man den falschen Sitzplatz erwischt hat. Aber diese Nähe zum Publikum macht eben die einzigartige Stimmung aus, die während des gesamten Aufenthalts den Rahmen für die Veranstaltung bildet. Mystische, zum Teil unnahbare Darstellungen vermischen sich mit dieser freundlichen und humorvollen Interaktion und Verbundenheit mit dem Publikum. Irgendwie hängt man immer zwischen diesen beiden Gefühlswelten, eben „in between“. Und diese Ausstrahlung beherrscht nicht nur der Gastgeber, auch alle Künstler scheinen sie verinnerlicht zu haben. Sieben Künstler aus sechs verschiedenen Nationen haben sich zusammengefunden, die von meinem Eindruck her, nicht nur in ihren Performances, sondern auch von ihrer Persönlichkeit her unterschiedlicher kaum sein könnten. Wenn man so will, drückt sich also auch in dieser Zusammenstellung das Motto schon aus. Hier ist Francoise Bouvier und spaziert über ein Drahtseil. Klingt nicht außergewöhnlich? Er trägt dabei ein extrem knappes Outfit und High Heels! Da ist Danilo De Campos Pacheco, der im ersten Moment stark an Tarzan erinnert. Und das hat nicht nur damit zu tun, dass er an Tüchern durch den Raum fliegt, sondern auch mit seinem Aussehen – von der Frisur, über den Körperbau bis zu seinem, nun ja, „Outfit“. Zwischen wie vielen Welten man an einem Abend hin und her wechseln kann, beweist dann nicht zuletzt eben Kimmo Hietanen, der eindrucksvoll zeigt, dass Seilspringen nicht nur kleinen Mädchen zwischendurch zuhause im Garten Spaß macht, sondern auch einem Mann auf der Bühne – natürlich im Kleid.

Das Varietespektakel gastiert noch bis zum 12. August 2017 im Senftöpfchen Theater in Köln und anschließend vom 15. bis 26. August im Panthéon in Bonn. Weitere Infos zur Show und Tickets gibt es auf der Website. Wer hingehen will, darf mir ruhig Bescheid geben – ich komme gern nochmal mit!

Auch großartig: Ein früherer Besuch beim Varietespektakel 

Fotos: Stephan Masurs Varietespektakel

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