Aufwachen, Wahlkampf!

In 25 Tagen ist Bundestagswahl. Daran kommt man nun einfach nicht mehr vorbei – oder? Wenn ich mir das ansehe, was viele der sogenannten etablierten Parteien „Wahlkampf“ nennen, kann einem nur Angst und Bange werden, was die nächsten vier Jahre in Deutschland angeht. Auf der einen Seite populistische Parolen und auf modern gemachte Selbstinszenierung und auf der anderen Seite zuckeln die Spitzenkandidaten unterschiedlichster Lager gemeinsam im Schlafwagen Richtung Bundestagswahl. Da muss man sich nur nicht wundern, wenn man Ende September außerhalb des Bundestags aufwacht! Und dann ist da natürlich noch Martin Schulz. Der Mann macht im Wahlkampf irgendwie alles. Man könnte fast meinen, er habe das Wort „Kampf“ in „Wahlkampf“ erfunden. Aber wahrscheinlich hatte er nur mal einen Nachbarn, der… lassen wir das!

Ich habe keine Bundestagswahl erlebt, bei der der Wahlkampf so sehr auf Personen konzentriert war, wie in diesem Jahr. Klar, schon immer waren die Spitzen der Parteien wichtig und wurden besonders in den Vordergrund gestellt. Aber selten habe ich erlebt, dass alle Parteien gemeinsam so wenig über Inhalte versucht haben, die Wähler zu überzeugen. Natürlich, jede Partei würde mir da jetzt widersprechen. „Wahlprogramm“, „Parteiprogramm“, „Konzept“ und so weiter und so weiter. Aber sind wir doch mal ehrlich: (Achtung, es folgt ein Satz mit vielen Zahlen!) Wer von euch da draußen kann mir denn zu den fünf Kernthemen der vergangenen vier Jahre in ein bis zwei Sätzen die Grundsätze der sechs Parteien nennen, die in Umfragen am aussichtsreichsten positioniert sind? Und jetzt kommt mir nicht mit: „Aber ich weiß ja, wofür meine Partei steht.“ Um zu wissen, warum „meine Partei“ die richtige Wahl ist, sollte ich eben auch wissen, worin die wesentlichen Unterschiede gegenüber anderen Parteien liegen. Oder ist das wirklich nur (noch) das Personal?

Es gibt genügend Wähler, die ihre Wahlentscheidung davon abhängig machen:
„Den Schulz wähle ich nicht, der ist irgendwie unsympathisch. Auch wenn der viel bessere Ideen hat und endlich mal was anders macht.“
„Ich wähle Merkel, da weiß ich wenigstens, was ich bekomme. Die macht zwar eigentlich nix, aber das Land ist zumindest nicht kaputt gegangen.“
„Ich wähle den Lindner. Ich mag zwar die FDP nicht, aber die bekommen ja eh so wenig Stimmen, dass sie nichts machen können. Aber den Lindner find ich toll.“

Was sofort auffällt: Alle reden davon, eine Person zu wählen, nicht eine Partei. So ist das eben, im Personenwahlkampf.
Was auch auffällt: Neben den beiden größten Fraktionen im aktuellen Bundestag drehen sich diese Aussagen um den Spitzenkandidaten einer Partei, die überhaupt nicht dort vertreten ist. Was ist denn eigentlich mit den Oppositionsparteien?
Da haben wir die größte davon, „Die Linke“. Sehr fleißig, vor allem Sahra Wagenknecht schickt sich an, den frei gewordenen Schlafplatz von Wolfgang Bosbach im TV-Talkshow-Studio zu übernehmen. Leider hat sie eben ein sehr penetrantes Timbre in ihrer Stimme, sodass es schwer fällt, die Inhalte zu hören, die sie so zu erzählen hat. Und leider hat ihre Partei eben auch kein wirklich besseres Personal mehr, seitdem Gregor Gysi dieser ganze Mist endgültig zu viel geworden ist.

„Umwelt ist nicht alles.“
Apropos Mist – was macht eigentlich die Lobbypartei der (ökologischen) Landwirte, Schurwollpulloverträger und Marihuanabauern? Hat jemand den Grünen schon erzählt, dass dieses Jahr Bundestagswahl ist? Neulich las ich irgendwo was von einem Wahlkampfmanager der Grünen, weiß aber nicht mehr genau, in welchem Kontext. Sogar davon habe ich den Inhalt vergessen! Mal ehrlich: Wer hätte gedacht, dass die Protestpartei des vergangenen Jahrhunderts, die am Anfang nicht wenige für radikal und gefährlich hielten, mal einen so schläfrigen Wahlkampf macht, dass selbst Mutti vor Neid noch mehr erblasst als sowieso schon. Immerhin, für den Wahlkampfmanager könnte das ein Karrieresprungbrett sein. Bei der nächsten Wahl macht er den Job dann vielleicht für die CDU.

„Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben.“
Wenn man bei der CDU mal genauer nachfragt, wie dieses Deutschland denn eigentlich aussehen soll – zum Beispiel so in 20 Jahren, ist die Antwort meistens: Angela Merkel. Gute Nacht, Deutschland.
Da muss man ja sogar Christian Lindner Recht geben, der behauptet, dass auf den Plakaten der großen Parteien nur Personen und keine Inhalte abgebildet sind. Der Punkt geht tatsächlich an die FDP. Auf den eigens aus dem bald erscheinenden Thermomix-Katalog heraus gekauften Bildern, die ausgerechnet in schwarz-weiß gedruckt sind (schnarch) stehen meistens nicht einfach nur Namen, sondern tatsächlich markige Sprüche, mit denen die Ziele der FDP ausgedrückt werden sollen. Beispiel gefällig?

„Digital First, Bedenken Second.“
Nicht nur die AfD schlägt angesichts dieser Verschandelung der deutschen Sprache die Hände über dem Kopf zusammen. Dafür hat sie aber noch weitaus mehr Gründe. In Zeiten, in denen Personenwahlkampf so wichtig ist, macht sich ein Duo aus einem homophoben Gauleit… Verzeihung, Gauland, der wegen Volksverhetzung angeklagt ist und einer lesbischen Mutter mehrerer adoptierter Kinder nicht besonders glaubwürdig an der Spitze einer Partei, die nach eigener Aussage für die wirklichen Belange des Volkes und die traditionellen (Familien-)Werte eintritt. Belange des Volkes? Werte? Da gab es doch mal eine Volkspartei, die für den sogenannten „kleinen Mann“ einstand. Was war das noch? Ach ja.

„Zeit für Martin.“
Der kleine Mann kommt aus der Nähe von Aachen, ist (der Menge seiner ehemaligen Nachbarn nach zu urteilen) schon etwa 400 Mal umgezogen und macht wirklich alles, um die Bevölkerung zu überzeugen, dass nun Zeit für ihn ist. Leider kann er aber nicht alles. Martin Schulz ist viel unterwegs, sehr präsent in fast allen Medien und zeigt seine Fähigkeiten und Kompetenzen dabei ebenso offen, wie seine Fehler und Schwächen zutage treten. Das kann durchaus ein Pluspunkt sein, wenn man gegen einen schlafenden Eisklotz antritt. Martin Schulz ist nicht unbeliebt. Er ist beliebter als seine Vorgänger als Kandidaten der SPD. Vielleicht sogar beliebter als Angela Merkel?

Aber es ist sehr schwierig mit dieser SPD, in der jeder verbliebene Spitzenpolitiker vor allem versucht, die eigene Haut zu retten und irgendwie dem nächsten Bundestag anzugehören. Das ist dann ja doch irgendwie wichtiger, als ein (auch) personeller Neuanfang einer Partei, die in den letzten vier Jahren inhaltlich so stark gearbeitet hat, dass sogar die Bundeskanzlerin diese Erfolge gern für sich in Anspruch nimmt, aber deren Führungspersonal bei der Bevölkerung eben keine Lobby mehr genießt.

Und jetzt? Sechs (bzw. sieben) Parteien, eine schlimmer als die andere, irgendwie alles nur Personen und die Hälfte davon schläft. Wer steht für was, was kann man wählen, wenn man weiß, was man will? Neben dem Wahl-O-Mat, der nun auch endlich verfügbar ist, gibt es einige Apps und Websites, die einem die Wahlentscheidung erleichtern sollen, wie zum Beispiel Wahlkompass und Wahlswiper. Es wird also Zeit, sie mal ausgiebig zu testen. Kennst du eine Wahlhelfer-Website oder -App, die man unbedingt auch kennen/ ausprobieren muss? Dann schreib sie mir gerne in die Kommentare. Meine Meinung dazu gibt es dann nächste Woche!

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