Bodenlos

In der letzten Woche vor der Bundestagswahl sagte ich mehrere bemerkenswerte Sätze.

Das hat vor allem mit meiner momentan Lebenssituation zu tun. In der Phase zwischen Studium und Job bin ich gerade angewiesen auf staatliche Unterstützung. Das ist nichts außergewöhnliches und schon gar nichts schlimmes. Ich habe keinerlei Probleme, das offen zu sagen. In den Gesprächen auf dem Amt erklären mir sogar alle übereinstimmend, dass viele Studierende nach ihrem Abschluss auf Unterstützung angewiesen sind, bis sie einen Job gefunden haben. „Die sind bis zu einem halben Jahr hier und dann nie wieder.“ Wie schön. Ich habe also – mal wieder – nichts falsch gemacht. Oder?
Meinen Antrag auf Arbeitslosengeld II stellte ich noch im Juli. Seitdem war ich fünf mal im Jobcenter. Auf eigene Kosten natürlich, Semesterticket habe ich ja keins mehr, schließlich bin ich kein Student. Einige werden jetzt sagen, dass ich die Kosten ja erstattet bekomme. Stimmt aber nicht. Eine Kostenerstattung ist nur möglich, wenn ich bereits einen Bescheid bekommen habe, also in der Maßnahme bin. Der Grund? Es werden nur Tickets erstattet, die durch den MobilPass vergünstigt sind. Den bekomme ich aber nur, wenn ich meinen Bescheid beim Verkehrsunternehmen vorlege. Aus dieser Ausführung lässt sich bereits richtigerweise erahnen: Ich habe noch keinen Bescheid. In drei Tagen beginnt ein neuer Monat. Das bedeutet, ich muss Miete, Strom und weitere laufende Kosten bezahlen. Und obwohl ich zwei Monate, bevor ich überhaupt Ansprüche gehabt hätte, bereits vorsorglich den Antrag stellte, landete noch kein Geld auf meinem Konto. Und eben nicht nur das. Ich habe noch nicht einmal eine schriftliche Bestätigung, dass mein Antrag überhaupt bearbeitet wurde. Völlig egal, mit welchem Ergebnis. Aber so, wie es jetzt ist, weiß ich gar nichts.
Letzten Donnerstag war ich bei der Berufsberatung. Wie alle Menschen, mit denen ich bisher gesprochen habe, war auch der zuständige Sachbearbeiter sehr freundlich, hilfsbereit und hatte Zeit und Muße, individuell auf meine Situation einzugehen. Als er erfuhr, dass ich genau einen Monat nach meinem Gespräch mit der Mitarbeiterin weder Geld noch einen Bescheid habe, reagierte er sehr verärgert. Er fragte mich zuerst nach den Gründen, sagte dann aber sofort: „Nein, das geht Sie ja nichts an. Das darf einfach nicht sein!“ Der Versuch, die zuständige Kollegin zu fragen scheitert daran, dass sie „momentan gar nicht im Haus“ ist. Wie gesagt, freundlich und hilfsbereit. Nur eben keine Hilfe. Zumindest nicht kurzfristig. Immerhin waren wir uns einig, dass ich in Sachen Jobsuche und Bewerbungen alles richtig mache. Doch meine Frustration hat das nicht geschmälert, sondern sogar noch verstärkt. Ich mache offenbar alles richtig und stehe trotzdem ohne irgendwelche finanziellen Mittel da, kann meine Miete und meine Rechnungen nicht bezahlen. Da stimmt doch was nicht!

„Ich verstehe jetzt, wie jemand zum Alkoholiker wird.“
Am Abend brauche ich eine heiße Schokolade. Irgendwas, zum Runterkommen, um mich zu beruhigen und vielleicht auch, um mich einfach wieder zu fühlen wie früher, als Kind, als das alles noch keine Rolle spielte und die heiße Schokolade für einen Moment das einzige war, was zählt. Ich überlege, noch einen Schuss von einem der vielen Getränke meiner Wohnzimmerbar dazu zu kippen. Und sofort schrillen bei mir alle Alarmglocken! Aus Frust, allein zuhause, nur um mich ein bisschen besser zu fühlen und ohne dass es einen anderen Grund dafür gibt, als das er da ist, Alkohol zu trinken – das bin definitiv nicht ich. Aber irgendetwas in mir erkennt, wie schmal der Grat ist dazwischen, das in dieser Situation zu erkennen und eben doch nur eine heiße Schokolade zu trinken – oder eben nicht. Wie schnell sowas gehen kann! Eine vermeintlich nicht ohne weiteres lösbare Problematik, die, selbst wenn es für eine absehbare Zeit ist, die eigene Lebensqualität so sehr einschränkt, dass das eine Glas am Abend der einzige wirkliche Luxus zu sein scheint, den man sich gönnen kann. Und es für den Moment dann auch etwas tröstendes hat. Und schon kann daraus eine Gewohnheit entstehen, die zu einer Abhängigkeit werden kann, die auch dann nicht von Zauberhand wieder weg geht, wenn die eigene Situation sich längst wieder bessert. Und nein, Mama, du musst dir keine Sorgen machen, ich werde jetzt nicht zum Alkoholiker. Aber die Erkenntnis, das Verstehen, wie so etwas (zum Beispiel) entstehen kann, ist da.

Auch einige Tage später hat sich meine Situation nicht verändert. Ich führe viele gute Gespräche, bekomme tolles Feedback auf meine Bewerbungen, einzig, noch keine feste Stellenzusage. Die meisten Bewerbungsverfahren dauern einfach noch eine Weile. Die Stellen werden erst in zwei oder drei Monaten besetzt. Das deckt sich mit den Aussagen, die ich auch im Jobcenter höre. Insofern gibt es also keinen Grund zur Beunruhigung. Wäre da nicht diese Sache mit den Ausgaben, die man eben nun mal so hat. Klar, ich habe viele liebevolle und besorgte Menschen in meinem Umfeld, die mir helfen, die für mich da sind und die an mich glauben. Und mir auch eben deshalb, weil sie daran glauben, dass ich einen guten Job finden werde, sofort anbieten, etwas Geld zu leihen. Dafür bin ich sehr dankbar. Es ist nur nicht kompatibel mit dem System des Jobcenters. Jeder Geldeingang auf meinem Konto wird potenziell als Einnahme betrachtet und kann mir von den Ansprüchen, die ich habe, abgezogen werden. Ob ich das geliehene Geld zurück zahlen muss, spielt dafür nicht unbedingt eine Rolle. Über das Konto laufen lassen ist also keine Option. Das sage ich auch ganz offen im Gespräch. Selbst der Berater im Jobcenter meint dann ganz klar: „Na ja, das machen Sie ja natürlich auch nicht über Ihr Konto!“ – Interessanter Ratschlag! Nur eben kein nützlicher: Miete, laufende Fixkosten und auch viele einzelne Rechnungen werden nun einmal per Überweisung bezahlt. Ich kann schließlich wirklich nicht überall hinfahren und bar bezahlen. Man denke da nur mal an die Fahrtkosten. 😉

Es bleibt also erstmal so: Ich habe keine Ahnung, wie ich meine Kosten decken soll. Eine der häufigsten Fragen, die ich in diesem Kontext höre ist: „Wie stellen die sich das vor?“ Darauf habe ich eine sehr einfache, aber auch ernüchternde Antwort: „Gar nicht. Das ist aber auch nicht ihre Aufgabe.“ Die Menschen, die im Jobcenter arbeiten, müssen sehr viele sehr unterschiedliche Anträge bearbeiten, auswerten, Bescheide erstellen usw. Es ist sicher nicht der einfachste und dankbarste Job und ich möchte auch nicht glauben, dass jemand ihn absichtlich schlecht macht. Und trotzdem verstehe ich, wie jemand über das System enttäuscht sein kann. Und dann ist es eben nicht mehr weit, um auch von denjenigen enttäuscht zu sein, die für dieses System stehen. Man fühlt sich unverstanden, nicht ernst genommen. „Die da oben“ hören einem nicht zu und interessieren sich nicht dafür, wie es den Menschen geht, die, aus welchen Gründen auch immer und womöglich ohne eigenes Verschulden auf Unterstützung durch den Staat angewiesen sind. „Die da oben“? Damit sind natürlich vor allem die Abgeordneten in Berlin gemeint, aber auch sonstige Menschen, die Politik machen, aber sich weit von der Basis, der Bevölkerung, die ihre Hilfe, ihre Unterstützung braucht, entfernt haben. Und nicht nur die. Im Kneipengespräch bekam ich in dieser Woche die Antwort: „Lebst du auf der Straße? Nein? Was hast du dann eigentlich für ein Problem? Das ist ja nicht die Aufgabe des Staates.“ Das ist ein Schlag ins Gesicht. Denn dahinter steckt die Aussage: Solange du nicht vollkommen am Boden liegst und obdachlos bist, kümmert sich niemand um dich. Das entspricht natürlich nicht der Seele unserer Gesellschaft und unseres Staates. Doch wer unreflektiertes Feedback zu seiner Situation bekommt, von dem kann man nicht verlangen, alle anderen Situationen dann doch bitteschön reflektiert zu betrachten.

„Ich verstehe jetzt, wie jemand AfD wählen kann.“
Nach der Bundestagswahl am Sonntag schaute ich Anne Will. Dort saßen Abgeordnete verschiedener in den neuen Bundestag gewählter Parteien, unter anderem auch der Spitzenkandidat der AfD. Und dann tat ich etwas, das ich zuvor noch nie gemacht hatte. Etwas völlig verrücktes. Ich hörte Alexander Gauland zu. Dem Mann, der „Merkel jagen“ will, das Recht auf Stolz auf die deutschen Soldaten in zwei Weltkriegen einfordert und deutsche Staatsbedienstete „nach Anatolien entsorgen“ möchte. Es nützt ja nichts. Auch wenn ich mir anhöre, was er zu sagen hat, kann ich ja hinterher immer noch anderer Meinung sein. Und dann sagt Gauland plötzlich Dinge, die ich verstehe. Dinge, die ich im Kern gar nicht grundsätzlich für falsch halte. Dinge, die etwa so klingen wie: „Wir möchten, dass im deutschen Parlament wieder lebendig über die Dinge debattiert wird, die die Menschen in unserem Land beschäftigen.“ – Mal ehrlich: Möchte dieser Position irgendjemand (außerhalb der CDU) widersprechen? Diese Form der Kritik insbesondere am bisherigen Regierungskurs von Angela Merkel kann ich durchaus nachvollziehen. Nicht wenige, darunter Journalisten und hochrangige Politiker, bezeichnen die Konstellation im deutschen Bundestag als Segen für die parlamentarische Demokratie. Auch, dass Martin Schulz die SPD aufgrund des Wahlergebnisses in die Opposition führt, deren Wichtigkeit betont und eine klare Kante ankündigt. Zur Politik der neuen Regierung, aber eben auch zur AfD. Ich höre Sätze wie: „Ich freue mich auf die Auseinandersetzungen.“ und „Das wird endlich mal wieder spannend.“ Wenn es dafür die AfD brauchte, ist das zwar ein Armutszeugnis für alle anderen Parteien, aber gibt ihr automatisch auch eine Daseinsberechtigung. Wohlgemerkt, der Partei. Das gilt nicht für alle ihre Abgeordneten. Niemand braucht Neo-Nazis. Nicht im Parlament, nicht in Deutschland und auch sonst nirgendwo. Dass es Personen und Positionen der AfD gibt, die nicht tolerabel für unsere Zivilgesellschaft sind, finde nicht nur ich, sondern auch viele der Menschen, die sie jetzt gewählt haben. Nun ist es an der Zeit, dass ihre Gegner das auch unter Beweis stellen. Streitet, debattiert, diskutiert und, wenn es nötig ist, verprügelt eben von mir aus wieder Nazis im Parlament, wie die SPD es nach dem zweiten Weltkrieg getan hat. Aber setzt euch mit den Problemen auseinander, die unsere Zeit uns bietet. Es ist höchste Zeit!

Und was wir von den Abgeordneten erwarten, die wir gewählt haben, sollten wir wohl auch selbst beherzigen. Ich kann diese Haltung: „Wenn ihr AfD wählt, dann entfreundet euch doch bitte selbst!“ nicht unterstützen. Denn es sind dieselben die anschließend sagen: „Ich weiß gar nicht, woher die 12,6 % für die AfD kommen. Ich kennen keinen, der die gewählt hat.“ Merkt ihr selber, oder? Das „Problem“, wenn man es denn so benennen möchte, zu ignorieren, ist gefährlich. Das hat eben vor allem diese Geschichte gezeigt, vor der die AfD-Gegner immer so eindringlich warnen. Wer die AfD wählt, fühlt sich unverstanden, hat das Gefühl, mit seinen Problemen allein gelassen zu sein. Von „denen da oben“, auch, ja. Aber eben auch von der Gesamtgesellschaft, die denen da oben nachlaufen. Oder ihnen zumindest nicht klar die Meinung sagen. Jemanden wegen dem, was er wählt, auszugrenzen, ohne zumindest einmal nach den Gründen zu fragen, führt zum Gegenteil von dem, was man erreichen will. Lasst die Menschen nicht allein! Ich hörte auch den Satz: „Wenn du nicht so reflektiert an die Sache rangehen würdest, würdest du jetzt wahrscheinlich AfD wählen.“ Da ist viel wahres dran, schließlich waren die letzten Gespräche mit dem Jobcenter nur drei Tage vor der Wahl. Unter diesem Eindruck kann man schonmal frustriert gegen die Etablierten protestieren. Doch dahinter steckt ja mehr. Warum gehe ich reflektiert an so etwas heran? Ich habe eine Familie, Freunde, ein Umfeld, das mich auffängt. Man hört mir zu, gibt mir das Gefühl, nicht allein zu sein. Verstanden zu werden. Ich weiß, dass es Wege gibt, meine Situation zu ändern, weil es Menschen gibt, die mich davon überzeugen. Was aber, wenn diese Menschen fehlen? Ich wäre in den letzten Wochen ins Bodenlose gefallen.
Wenn Freunde jemanden nicht davon überzeugen, Positionen und Handlungen zu überdenken, wer soll es dann machen? Mehr Spaltung geht ja gar nicht. Auch davon hat man viel gelesen in den vergangenen Wochen: „Die AfD spaltet das Land.“ Na, wie wäre es denn, wenn wir genau das nicht zulassen? Es gehört Mut dazu, sich dieser Konfrontation zu stellen, es ist anstrengend und wird ganz bestimmt nicht immer den Erfolg bringen, den man sich wünscht. Aber ist es nicht auch ein wenig unsere eigene Bequemlichkeit, die AfD auszugrenzen, nach dem Motto: „Wenn ich es nicht sehe, ist es auch nicht da“? Wollen wir nun unsere Demokratie, unsere Gesellschaft, unser Land erhalten? Da gehört dann eben mehr dazu, als AfD-Abgeordnete und diejenigen, die sie wählen, in einen Topf zu werfen. Was soll schon passieren? Haben wir Angst, das was wir hören könnten, könnte uns nicht gefallen? Vielleicht. Vielleicht auch zurecht. Das kann hart werden, weh tun und fordert sicher eine Menge Kraft. Aber sind wir denn nicht bereit, diese auch aufzubringen, wenn uns diese Dinge so wichtig sind: Demokratie, Gesellschaft, Deutschland. Sich mit den Nöten, Sorgen und auch nur Gedanken von Menschen auseinander zu setzen, sagt eben auch eine Menge darüber aus, wer wir sind. Wir sind mehr als als Grabenkämpfe, Spaltung und bodenloser Fall! Haben wir mehr Mut. Mut zu Deutschland.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s