Seelenstriptease

Was für eine krasse Woche! Es ist so viel passiert, dass ich gar nicht alles aufschreiben kann. Für manches suche ich auch Tage danach noch nach Worten. Dass ich keine finde, die so recht passen wollen, spricht in besonderem Maße dafür, wie einschneidend und außergewöhnlich die Erlebnisse der letzten Tage für mich waren. Wenn ich irgendetwas eigentlich immer kann, dann Worte zu etwas finden (auch dann, wenn es absolut nicht nötig wäre). Und vielleicht ist es auch in diesem Fall gar nicht nötig. Denn eigentlich versuche ich hier vielleicht Worte für etwas zu finden, die ich schon gefunden hatte. Kurz, bevor ich sie dann teilte.

In den letzten Wochen deutete sich an einigen Stellen etwas an, das sich erst in dieser Woche so richtig klar und deutlich für mich herausstellte. Als ich meine Challenge startete und das nicht nur hier im Blog sondern auch in den Social Media öffentlich postete, erreichte mich geradezu eine Welle von Reaktionen. Nicht nur Likes und Kommentare unter den Posts, Tweets und Bildern, sondern auch viele persönliche Nachrichten. Motivierende Worte, Zustimmung, aber auch mahnende Hinweise, es nicht zu übertreiben. Sie alle waren nicht nur hilfreich, sondern stellten sich im Laufe der Zeit als absolut richtig heraus. Schon verrückt, was so passiert, wenn man beschließt, seine Gefühle und Gedanken ganz offen und ehrlich zu teilen und andere daran teilhaben zu lassen, was man erlebt und wie es einem geht. Noch verrückter ist, dass mich das so erstaunt. Schließlich fing genau so alles an, damals im ICE 947 von Köln nach Berlin. Und trotzdem verlor mein Blog ein Stück weit Persönlichkeit im Laufe der Zeit. Es ging um Politik, Gesellschaft, Medien und alle möglichen Themen, die mich interessieren und insofern auch ein Stück meiner Persönlichkeit ausmachen, aber es wurde zunehmend redaktioneller, geplanter, manche würden vielleicht sagen professioneller. Das muss nicht unbedingt schlecht sein, im Gegenteil, ich fühlte mich wohl damit und merkte, wie ich mein Profil als Online-Redakteur schärfen konnte. Doch auf der anderen Seite ging eben auch etwas verloren. Mein persönliches Profil. Hier im Blog, aber auch in den Netzwerken, auf denen ich mich so lange so zuhause fühlte – und dabei – und dadurch – viele Wegbegleiter traf.

„Du postest ja in letzter Zeit wieder so viel!“
Das sagte meine Schwester letzte Woche zu mir. Daran fielen mir zwei Dinge auf:
1. Bevor sie das sagte, war mir das überhaupt nicht bewusst gewesen. Meine Schwester ist nicht bei Twitter und bekommt deshalb vor allem auf Facebook mit, wenn ich etwas poste. Das war in den letzten Monaten tatsächlich verdammt wenig geworden. Und nachdem ich durch meine Challenge beschlossen hatte, zumindest was das gesunde Leben betrifft dort wieder mehr zu posten, musste es jemandem, den es schon immer interessiert, der aber lange nur sehr wenig zu lesen bekommen hatte, wie ein regelrechter Informations-Overflow wirken.
2. Sie sagte „wieder“. Das machte mir bewusst, wie viel ich früher eigentlich auf Facebook gepostet hatte. Logisch, das war, bevor ich Twitter kennenlernte und es zu meinem Zuhause wurde. Inzwischen wähle ich deutlich sorgfältiger aus, welche Inhalte auf Facebook landen, aber auch, was ich im Blog schreibe. Beides ist viel weniger das Tagebuch geblieben, das es einmal war. Twitter dagegen ist es mehr geworden, als ein Blog oder Facebook es je sein könnte.

Und trotzdem, die letzte Woche war noch einmal anders. Doch was ist eigentlich passiert? Vor genau einer Woche veröffentlichte ich hier meine Meinung zur Bundestagswahl. Aber eben anders, als noch in den Wochen davor, in denen ich versuchte, neutral, sachlich und eben eher journalistisch an einiges heran zu gehen. Doch meine persönliche Situation ließ nicht länger zu, dass ich sie zurückhalte. Sie wollte raus. Ich wollte raus. Back to the roots, wenn man so viel. Und so erschien der mit Abstand persönlichste Blogpost des ganzen Jahres. Vielleicht sogar einer der persönlichsten hier überhaupt. Bodenlos.

„Ich verstehe jetzt, wie jemand AfD wählen kann.“
Mit dieser, zugegebenermaßen etwas provokativen Aussage wollte ich natürlich auch Aufmerksamkeit für das Thema, für den Beitrag bekommen. Dass das solche Ausmaße annehmen würde, hätte ich aber nicht gedacht. Viele Menschen, Freunde, Bekannte und völlig Fremde teilten den Beitrag, schrieben mir ihre Meinung dazu und vor allem – zeigten Verständnis für meine Situation und/oder boten mir sogar Hilfe an. Ich bekam regelrecht zu spüren, was diese „Solidargemeinschaft“ ist, von der man so häufig hört. Und speziell dieses Interesse an meiner persönlichen Situation, dieses augenscheinliche: „Es interessiert mich, wie es dir geht und wer du bist“ löste etwas in mir aus. Ich schreibe hier ja nicht für einen höheren Zweck, für die Menschheitsgeschichte oder sonst irgendwas abgehobenes. Ich schreibe für dich. Und für mich. Und vielleicht ist das auch bei mir im Laufe der Zeit etwas in Vergessenheit geraten. Wenn ich nun sehe, welche Resonanz ich gerade dann bekomme, wenn ich wieder persönlicher werde, dann kann das Fazit nur sein, dass ich mich das wieder mehr trauen muss. Und nicht nur hier. Zu meiner Challenge, aber auch zum Blog und einfachen Posts bekomme ich auf Facebook ein persönliches Feedback, das mir lange gefehlt hat. Auf Twitter folgen mir täglich neue Menschen, ohne dass ich etwas erkennbar ausschlaggebendes dafür mache – außer eben, ich selbst zu sein. Ein bisschen kommt es mir so vor, als hätte ich mich, ohne es zu wissen, eine ganze Weile lang selbst aus den Augen verloren. Und so langsam finde ich mich eben wieder. Solange das dazu führt, dass Menschen sich an meiner Seite und auf meinem Weg so wohl fühlen, dass sie mich begleiten, ja sogar unterstützen wollen, sollte ich mir wohl weniger Gedanken um mich selbst machen, als das oft der Fall ist.

Ich stelle mich oft in Frage. Täglich, sowieso, aber teilweise sogar minütlich. Rede ich zu viel? Schreibe ich die falschen Sachen? Interessiert sich jemand für mich? Legt jemand Wert auf meine Gesellschaft? Was kann ich anders machen? Ich zweifle regelrecht an allem, das mich ausmacht. Und die Reaktionen der letzten Wochen, ganz speziell der letzten Woche, zeigen mir, dass das in diesem Ausmaß gar nicht nötig ist, wenn ich denn aufhöre, alles zu überdenken. Oft bin ich ganz besonders in Gesellschaft mehrerer Menschen sehr kontrolliert. Ich will nichts falsch machen, den richtigen Eindruck erwecken. Alles zu einem einzigen Zweck: Dass andere mich mögen. Und genau das wirkt oft auch kontraproduktiv. Zurückhaltung und Kontrolle werden oft als Arroganz und Unnahbarkeit gewertet. Nicht selten hörte ich diese Attribute über mich selbst. Auch von Freunden, die mich irgendwann kennenlernten, einen anderen Menschen kennenlernten als den, den sie wahrgenommen hatten. Daran, dass ich zuweilen diesen Eindruck erwecke, wird sich vermutlich nicht mehr viel ändern. Ich habe große Angst vor eigenen Fehlern. Auch, weil ich davon schon viele gemacht habe, die ich nun einmal nicht mehr zurücknehmen kann. Doch ich merke eben auch, welche überwältigende Resonanz ich bekomme, wenn ich mich öffne. Zeige, wie verletzlich ich bin, welche Probleme ich habe oder welche Gedanken mich einfach gerade beschäftigen. Die Menschen laufen nicht vor mir weg, sondern zeigen mir auf ganz unterschiedliche Weise, dass sie mich gern haben.

„Einer meiner besseren Momente.“
Mittlerweile feiere ich traditionell Anfang Oktober mit einigen Freunden, dass ich vor einiger Zeit geboren wurde (auch wenn ich im März geboren wurde, aber das ist eine andere Geschichte). In diesem Jahr konnte ich zum ersten Mal seit sehr langer Zeit dabei ganz entspannt ich selbst sein, musste zu keiner Zeit darüber nachdenken, was ich falsch oder richtig mache und besser machen könnte und war einfach frei. Das zeigen auch die Bilder, die dabei entstanden sind. Man sieht jemanden, der ausgelassen lacht, Grimassen schneidet und vor allem eines nicht ist: kontrolliert. Wenn ich also zu diesem Bild schreibe, dass es einer meiner besseren Momente ist, dann ist das absolut ernst gemein. Auch wenn es womöglich in den Augen einiger nicht das vorteilhafteste Bild ist, das mich zeigt.

Aber noch in den Stunden vor der Feier war ich sehr angespannt. Würde alles funktionieren? Was, wenn die Menschen, die zum ersten Mal mein Zuhause sehen würden, einen schlechten Eindruck bekämen? Was, wenn sich die Menschen, die sich begegnen würden, nicht verstünden? Wie könnte ich vermitteln? Ich brauchte etwa eine Stunde, bis sich die Nervosität legte. Weil ich spürte, dass alles in Ordnung war. Wer mich besuchte, war gern hier. Und zwar um meinetwillen. Was ich langsam auf den Profilen in den Social Media bemerkt hatte, traf nun auch in der Realität zu. Ich musste nicht irgendetwas besonderes machen. Es war gar nicht nötig, mir zu überlegen, wie ich mich verhalten, was ich sagen könnte, um mir sicher zu sein, dass Menschen meine Gesellschaft schätzen. Und mich gern haben. Nun klingt das vielleicht, als würde ich daran zweifeln, dass auch schon vorher Menschen mich gern hatten. Das ist natürlich nicht so. Ich weiß genau, was ich an meinen engsten Freunden und Vertrauten in den letzten Jahren hatte und auch weiterhin habe. Ohne sie stünde ich nicht da, wo ich heute bin. Aber mir fehlte ein wenig das Gefühl, sozusagen „massentauglich“ zu sein. Das klingt eigentlich nicht nach dem, was ich meine. Ich möchte kein Mainstream-Produkt sein, oder so etwas. So recht finde ich noch immer keine Worte für das, was ich eigentlich sagen möchte. Und ich bin auch um ehrlich zu sein nicht ansatzweise zufrieden mit denen, die ich aufgeschrieben habe. Aber ich lasse sie so stehen. Sie fließen aus mir heraus, sind ehrlich und authentisch. Und ich bin schließlich nicht auf der Welt um zu sein, wie andere mich gern hätten.

Das gilt aber übrigens auch für jeden von euch. Inzwischen kenne ich so viele Menschen, die beliebt sind und bewundert werden, auch von mir. Einfach weil sie sind wie sie sind. Und damit meine ich nicht unbedingt Menschen, die tausende Freunde oder Follower haben, Menschen die lustige Sprüche bringen oder tolle Bilder posten. Ich meine Menschen, die sie selbst sind. Und die ihre Geschichten erzählen. So, wie ich meine vor einigen Jahren zu erzählen begann. Ihr seid meine Vorbilder. Jeder von euch. Weil ihr mir zeigt, dass ihr einerseits eben genau das sein könnt – Vorbilder – und andererseits auch mich als Vorbild oder zumindest als Menschen sehen könnt, den ihr gern habt. Als Freund. Ihr seid in den letzten Wochen und ganz besonders in der letzten Woche nicht nur mehr geworden, sondern mir vor allem wieder ein ganzes Stück näher gekommen. Einfach, weil ihr seid, wie ihr seid und mich sein lasst, wie ich bin. Genau für euch, werde ich in Zukunft wieder sehr viel mehr persönliches von mir preisgeben. Zuweilen vielleicht ganz banales und wenig zukunftsträchtiges. Einfach etwas, das mich umtreibt und dass ich mit euch teilen möchte. Und ja, ich meine sicher auch dich damit. Wenn du bis hierher gelesen hast, obwohl es nur um mich ging und nicht einmal besonders viel Inhalt gab, gehörst du bestimmt zu genau diesen Menschen. Das bedeutet mir mehr, als du dir vorstellen kannst. Mehr, als ich Worte dafür habe. Womit ich vielleicht auch eine weitere schwierige Eigenschaft ein Stück weit widerlegen kann. Es gibt durchaus Situationen, zu denen ich nichts sagen kann, will und muss. Und ich wünsche mir, dass es wieder mehr davon gibt. Denn manchmal ist eben doch Schweigen ein viel stärkerer Ausdruck, als alle Worte sein könnten.

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3 Gedanken zu “Seelenstriptease

  1. Sehr sehr schön geschrieben !

    Gelegentlich musste ich tatsächlich schmunzeln und wurde zugleich nachdenklich … jetzt fehlen mir die Worte.
    Vielleicht schließe ich mich deiner Nachricht nach deinem Geburtstag einfach:
    Danke

  2. Ich muss gestehen, dass ich nicht jeden Blogeintrag lese. Wie inhaltlich passend, dass ich ausgerechnet diesen komplett gelesen habe.
    Es freut mich, dass du wieder mehr zu dir gefunden hast und es dir gut geht!!
    Eine Frage habe ich allerdings: warum hat es eine so große Bedeutung für dich, dass dir auf einmal mehr fremde Menschen auf Twitter folgen, wenn du gleichzeitig sagst, dass es ja drauf nicht ankommt? 🙂
    Zumindest habe ich Teile deines Beitrags so verstanden.
    Dein Schlusswort gefällt mir sehr gut und ich finde es gut, dass du daran arbeitest: Manchmal muss man auch einfach mal nichts sagen…bzw. nicht so viel 😛

    • Wie lieb von dir. Freut mich, dass du ausgerechnet diesen Beitrag gelesen hast!
      Deine Frage ist wirklich spannend. Tatsächlich kommt es mir nicht so sehr darauf an, dass es viele fremde Menschen sind, sondern welche es sind. Es freut mich, dass sich Menschen mit dem wohlfühlen, was ich mache und wie ich bin und dass sie mir nicht kurz folgen und wieder entfolgen, sondern bleiben. Das gibt mir das Gefühl, etwas richtig zu machen. Ob es Menschen sind, die ich kenne, oder (noch) nicht, ist dabei aber nicht so wichtig.

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