Hören ist anstrengend.

Vor einer Woche änderte sich mein Leben grundlegend. Und nicht nur meins. Auch die Menschen in meinem Umfeld bemerken deutlich die Veränderung, die sich eingestellt hat und – das ist schon nach einer Woche klar – in den nächsten Monaten noch einstellen wird. Seit genau einer Woche teste ich Hörgeräte.

Meine angeborene Hörschwäche war schon immer ein mehr oder weniger entscheidender und beeinflussender Begleiter in meinem Leben. Ob in der Schule im Unterricht, später am Schlagzeug oder als Sänger und auch in näherer Vergangenheit und Gegenwart in Vorlesungen in der Hochschule, bei Interviews oder – ganz simpel – bei den ganz normalen Unterhaltungen des Alltags. Verschiedene Faktoren verhinderten, dass ich schon früher Geräte ausprobierte, die mir das Hören erleichtern bzw. meine Hörfähigkeit verbessern sollen. Doch als ich vor einigen Wochen eine Karte in der Post fand, auf der das kostenlose Testen von Hörgeräten angepriesen wurde wusste ich, dass die Zeit gekommen ist. Also ging ich vor ein paar Wochen zum unverbindlichen Gespräch, bei dem dann auch gleich umfangreiche Hörtests gemacht wurden, wie ich sie zuletzt in meiner Kindheit über mich ergehen lassen musste. Schon dabei stieg in mir eine gewisse Vorfreude darauf, dass sich einiges ändern würde, aber es wuchs auch die Angst. Was, wenn die Hörschwäche stärker war, als ich selbst dachte? Was, wenn für meine Art Hörfehler keine der angebotenen Geräte in Frage kamen? Verhalten und mit einer Prise Selbstironie teilte ich meine Gedanken öffentlich auf Twitter. Gar nicht so sehr in der Hoffnung auf Reaktionen, sondern weil die Vergangenheit mir gezeigt hat, dass es hilft, Gedanken loszuwerden, ganz egal wo und wie.

Und aus den gleichen Gründen nahm ich, als ich mich zwei Wochen später auf machte, den Faden wieder auf und berichtete von meinen Gefühlen, Ängsten und – als ich die ersten Testgeräte dann letztendlich in meinen Ohren hatte – von meinen Erfahrungen in einer völlig neuen Welt. Und was dann geschah, ja, das verselbstständigte sich irgendwie. Von allen möglichen (und unmöglichen) Seiten erhielt ich Reaktionen. Zuspruch, Interesse, Unterstützung. Und somit war nicht nur die Welt der Geräusche, die sich mir eröffnete, eine völlig neue Erfahrung für mich, sondern auch der direkte, individuelle und vor allem so ehrliche Umgang mit mir, meinen Erfahrungen an diesem Tag selbst und auch früher im Leben, die dafür gesorgt hatten, dass ich nun erlebte, was ich erlebte. Und nachdem ich nun schon wieder zwei Wochen Pause beim Schreiben von Blogposts hinter mir habe, lag es nur nah, auch diesen, völlig neuen, unverhofften Teil meines Weges auch Teil meines Blogs werden zu lassen. Mehr noch, es wird sogar ausdrücklich von mir erwartet, dass ich darüber nicht nur einige kurze Tweets verfasse, sondern auch hier etwas schreibe.

Eindrücke aus (m)einer neuen Welt
Und das werde ich. Doch sind es für mich so viele Gedanken und Gefühle – nicht zuletzt durch die vielen Reaktionen – das mich das im wahrsten Sinne des Wortes überwältigt. Die Woche war noch anstrengender als die beiden zuvor, in denen ich schon keine Gelegenheit fand, hier zu schreiben. Ja, die Kurzfassung meiner Eindrücke könnte lauten: Hören ist anstrengend. So anstrengend, dass ich zwar nicht richtig krank wurde, aber dennoch im übertragenen Sinne auf dem Zahnfleisch gehe. Ich bin froh, wenn ich mein Tagwerk schaffe und sinke erschöpft ins Bett. Und die Sinneseindrücke, die diese neue Entwicklung in meinem Leben mit sich bringt, sind so vielfältig, dass ich mir die Zeit nehmen möchte, die es braucht, um dafür angemessene Worte zu finden. Es gibt so viele Fragen, die ich beantworten möchte. So viele Fragen, die ich mir selbst stelle. Wie ertragen Menschen den Lärm des Alltags? Welche Dinge kommen mir nun lauter vor, als sie eigentlich tatsächlich sind? Kann man bestimmte Geräusche auch irgendwann einfach wieder ausblenden. Zum Beispiel diese Dinge, die ich plötzlich höre, von denen ich mein Leben lang gar nicht wusste, dass sie überhaupt Geräusche machen? Ja, schon allein diese Gedanken, die mich seit einer Woche jeden Tag beschäftigen bestätigen eine Einschätzung, die ich bisher so gar nicht hatte: Hören ist anstrengend. Und es kann durchaus auch angenehm sein und Vorteile haben, manches eben nicht zu hören – weil man es nicht hören kann.

Trotzdem halte ich nicht viel von einer Einstellung frei nach Christian Lindner: Lieber gar nichts erzählen als falsch erzählen. Deshalb war es mir wichtig, ein paar Worte zu schreiben, die vielleicht einen ersten Eindruck davon liefern, wie sehr mich nicht nur die Hörgeräte und die akustischen Erfahrungen an sich beschäftigen, sondern alles, was damit einherging und einhergeht, mit dem ich nicht in dieser Form und diesem Umfang gerechnet hatte. Ich möchte diese Gefühle aufsaugen, genießen, verarbeiten und zugleich für immer behalten. Die erste Woche in einer neuen, akustischen Welt verging trotz aller Anstrengung (oder womöglich gerade deshalb) wie im Flug. Schon morgen werde ich wieder im Akustikstudio sitzen, weitere Tests machen und die ersten wichtigen Änderungen an meinen Hörgeräten vornehmen lassen. Um vielleicht in der nächsten Woche noch weitere, unerwartete Wahrnehmungen erleben zu können. Und genau so, wie ich heute nur einen kleinen, ersten Einblick geben und in Worte fassen kann, verhält es sich auch mit den Schritten in Richtung neuer Lebensqualität: Ich stehe erst am Anfang des Weges. Die Geschichte hat gerade erst begonnen. Und ich bin zuversichtlich, dass mit der Unterstützung, die ich spüren kann, die Anstrengungen weniger werden und die Begeisterung bleibt.

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