Oscars 2018 – Die Prognose

The Shape of Gold…

Ladies & Gentleman, der Moment ist gekommen für meine erste (und einzige) Oscarvorhersage für die Academy Awards 2018. In den letzten Wochen vor der Verleihung des wichtigsten Filmpreises der Welt von Hollywood habe ich auch in diesem Jahr viele Filme gesehen, wahrscheinlich sogar noch mehr, als im letzten Jahr, dem späten Termin der Verleihung geschuldet. Danach (und nach noch mehr Lesen) habe ich mir eine Meinung gebildet, wer den Oscar verdient hat – und wer ihn bekommen wird. Und nein, auch in diesem Jahr ist das nicht zwangsläufig dasselbe. Bevor ich also morgen Abend wieder zur traditionellen, jährlichen Night of the Oscars in mein bescheidenes Heim einlade, können sich wieder alle einen Eindruck verschaffen, was sie in ihre Pickliste eintragen könnten, ihrerseits Infos für ihre eigene Oscar-Prognose holen – oder auch einfach nur überprüfen, ob ich mich ähnlich gut vorbereitet habe, wie im letzten Jahr (14 aus 24). Hier kommt die Liste meiner Oscar-Tipps für 2018*. Wie im letzten Jahr natürlich ergänzt mit meinem persönlichen Senf dazu. Mit einem Klick landet ihr also auf der ausführlicheren Begründung der Prognose – ICYMI.
Ähnlich wie die (meiner Meinung nach großartigen) Herren Gonzalez und Henderson in ihren Vorhersagen für Slant, unterteile ich bei meiner Vorhersage in die Kategorien „wird“, „könnte“ und „sollte“ gewinnen. Natürlich ganz nach meiner subjektiven und absolut nicht fehlerfreien Meinung. Wer Mitraten, meine Prognose kommentieren oder mir (unwahrscheinlicherweise) einfach nur zustimmen möchte, kann einfach in die Kommentare oder mir per Mail schreiben. Ich freue mich drauf!

*nach „Film“ in alphabetischer Reihenfolge der Originalbezeichnungen


Film (Picture):

Nominiert: Call Me By Your Name | Darkest Hour (Die dunkelste Stunde) | Dunkirk | Get Out | Lady Bird | Phantom Thread (Der seidene Faden) | The Post (Die Verlegerin) | The Shape of Water (Shape of Water – Das Flüstern des Wassers) | Three Billboards Outside Ebbing, Missouri

Schaut man sich die Kritiken und bisherigen Preisverleihungen an, könnte man davon ausgehen, es läuft hier auf einen Zweikampf zwischen Three Billboards Outside Ebbing, Missouri (ja, ich habe wirklich vor, das jedes Mal auszuschreiben) und The Shape of Water hinaus. Auch wenn Dunkirk die zweitmeisten Nominierungen bekommt, spricht neben den bisherigen Preisen auch die Art, das Thema der Filme dagegen, dass er hier am Ende gewinnt. Andererseits endete die Wahl bei den Academy Awards zuletzt eben nicht immer wie bei den Globes (Spotlight, Moonlight). In Ermangelung eines Kandidaten mit „…light“ im Titel fällt die Festlegung auf einen Favoriten in dieser Kategorie schwer – erst Recht nach dem letztjährigen La La Land-Debakel. Thematisch verwandt mit zumindest einem der beiden letzten Gewinner ist ganz klar The Post und Pressefreiheit ist in den USA ein Thema von trauriger Aktualität. Andererseits ist genau das, sowie die Besetzung der Hauptrollen mit Tom Hanks und Meryl Streep so offensichtlich darauf aus, einen Oscar zu ergattern, dass es auch der Academy auffallen dürfte. Die politische und gesellschaftliche Botschaft von The Shape of Water ist hintergründig und allgemeingültig: Auf die inneren Werte kommt es an. Zwar hat auch das in Zeiten von Minderheitendiskriminierung wieder einen aktuellen Bezug, aber der Plot von Three Billboards Outside Ebbing, Missouri hat eine Botschaft, die deutlicher auch nicht auf Werbetafeln in der ganzen Welt stehen könnte.

Was den Ausschlag geben könnte, ist ebenso typisch für Hollywood, wie auch traurig: #MeToo. Ein Film, der in der Zeit nach der Vergewaltigung und Ermordung eines Mädchens spielt, schlägt in eine Kerbe, die in Hollywood tief sitzt. Da geraten viele andere, wichtige Botschaften zur Nebensache: Wie etwa die komplexe Darstellung davon, was Liebe ist und sein kann und dass sie keine Geschlechter kennt in Call Me By Your Name. So sehr dieser Film von der Kritik gefeiert wird, so wenig Beachtung bekommt er bisher von der breiten Masse. Bei Get Out ist das etwas anderes. Von allen Nominierten wirkt dieser Film noch am ehesten wie einer, der ein logischer Nachfolger von Moonlight sein kann. Sollte die Academy wieder einmal nicht nach Popularität, Erwartungen und bisherigen Preisen abwägen, sondern Wert darauf legen, dass die schaurige Vision einer Parallelgesellschaft, in der Obermenschen über Untermenschen herrschen als Warnung hinaus getragen wird, haben wir einen Favoriten. Es sind sehr viele Wenn-Danns abzuwägen und eine klare Einschätzung habe ich auch nach allem Abwägen nicht. Genau das macht es in meinen Augen wahrscheinlicher, dass einer der populären Filme gewinnt, weil die weniger populären ihre Stimmen untereinander verteilen. Der kleinste gemeinsame Nenner, sozusagen.

Wird gewinnen:  Three Billboards Outside Ebbing, Missouri
Könnte gewinnen: Get Out
Sollte gewinnen: Get OutCall Me By Your Name


Animationsfilm (Animated Feature):

Nominiert: Coco (Lebendiger als das Leben) | Ferdinand (Geht STIERisch ab) | Loving Vincent | The Boss Baby | The Breadwinner

Was für eine Nominierungsliste! Das vergangene Jahr dürfte vermutlich nicht als das ruhmreichste in der Geschichte der animierten Spielfilme eingehen. Sogar die scheinbar niemals versiegende Quelle der animierten Abenteuer (Pixar) sprudelte nur ein einziges brauchbares Ergebnis hervor. Das wäre eigentlich die große Gelegenheit, endlich einmal wieder einen (vermeintlichen) Außenseiter mit dem Goldjungen auszuzeichnen. Denn mit Ferdinand und The Boss Baby lieferte die Konkurrenz nicht eben das ab, was man einen Oscar-Favoriten nennt. Und was für eine traumhafte Idee ist Loving Vincent! Bilder und Stil von Vincent van Gogh zu einer Hommage zusammen zu fügen ist süß. Doch für einen Oscar braucht es vermutlich etwas mehr. Eine gute Story zum Beispiel. Damit kann The Breadwinner punkten, der von den Schwierigkeiten des Alltags eines afghanischen Mädchens unter dem Taliban-Regime erzählt. Ja, richtig, in einem Animationsfilm! Die von Angelina Jolie mitproduzierte Kinderbuch-Verfilmung ist der einzige Kandidat, der sich ernsthafte Chancen ausrechnen könnte.

Doch da gibt es eben diesen einen Disney-Film. Und auch, wenn Coco vermutlich weder als der schönste noch beste noch erfolgreichste Pixar-Animationsfilm im Gedächtnis bleiben wird, ist es ein weiterer guter Familienfilm in der Reihe guter Familienfilme aus diesem Haus. Es schadet sicher auch nicht, dass mit Remember Me auch der obligatorische Oscar-nominierte Song eines Disney-Animationsfilms aus diesem Film stammt. Alles andere als ein Oscar für Coco als besten Animationsfilm wäre eine große Überraschung.

Wird gewinnen: Coco
Könnte gewinnen: The Breadwinner
Sollte gewinnen: Coco


Hauptdarsteller (Actor in a Leading Role):

Nominiert: Timothée Chalamet (Call Me By Your Name) | Daniel Day-Lewis (Phantom Thread) | Daniel Kaluuya (Get Out) | Gary Oldman (The Darkest Hour) | Denzel Washington (Roman J. Israel, Esq. – Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit)

Und wieder lässt sich diese Kategorie in zwei Lager aufteilen: Das alte und das neue Hollywood. Auf der einen Seite mehrfache Preisträger in dieser Kategorie, auf der anderen Neuentdeckungen (was Award-Nominierungen dieser Güte anbetrifft). Und irgendwo dazwischen steht Gary Oldman mit vielen Nominierungen und einer langen Liste erfolgreicher und großartiger Filme mit seiner Mitwirkung, aber noch keiner Auszeichnung mit einem Academy Award als bester Hauptdarsteller. Aber lautet die Kategorie nun „Lebenswerk“ oder „Hauptdarsteller“? Das könnte in diesem Fall egal sein. Oldman spielt Winston Churchill gut. sehr gut sogar. Und wohl auch gut genug. Daneben steht aus der alten Garde mit Daniel Day-Lewis der Rekord-Preisträger, jemand, der es in diesem Jahr wohl auf ähnliche Weise „diesmal nicht“ werden wird, wie es sonst nur Meryl Streep kann. Und eben Denzel Washington, der in seinem nur in dieser Kategorie nominierten Film wie eine Randnotiz erscheint.

Daniel Kaluuya und Timothée Chalamet sind großartige Schauspieler, erst Recht in ihren aktuellen Rollen. Ihre Nominierungen (und damit auch ihr Sieg) wäre noch sensationeller als damals die Auszeichnung von Eddie Redmayne. Get Out und Call Me By Your Name sind auch in genug anderen Kategorien nominiert, um nicht völlig chancenlos zu sein, doch könnte der Name Oldman einfach zu groß sein. Es sei denn, gerade der wird zum Verhängnis, wo doch ganz besonders in diesem Jahr gilt: Keine Macht für alte, weiße Männer. Das passt nun so gar nicht zu Oldman und noch weniger zu seiner Rolle als mächtiger (übergewichtiger) britischer Premier. Ein Oscar für einen jungen, schwarzen Hauptdarsteller wäre eine starke Botschaft, zumal für eine Rolle, in der er sich gegen vermeintlich mächtige Weiße auflehnt. Das Spiel von Timothée Chalamet dagegen ist es, dass den ganzen Film erst endgültig in die Liga katapultiert, in der er nun mitspielt. Was einen Oscar gleichermaßen verdient wie unwahrscheinlich macht.

Wird gewinnen: Gary Oldman (Darkest Hour)
Könnte gewinnen: Daniel Kaluuya (Get Out)
Sollte gewinnen: Timothée Chalamet (Call Me By Your Name)


Nebendarsteller (Actor in a Supporting Role):

Nominiert: Willem Dafoe (The Florida Project) | Woody Harrelson (Three Billboards Outside Ebbing, Missouri) | Richard Jenkins (The Shape of Water) | Christopher Plummer (All The Money In The World – Alles Geld der Welt) | Sam Rockwell (Three Billboards Outside Ebbing, Missouri)

Hand auf’s Herz: Wer hatte Sam Rockwell auf dem Zettel? Ich jedenfalls nicht. Doch um gleich nochmal ehrlich zu sein: Wen dann? Plummer und Jenkins reichen in ihren tollen Interpretationen schlicht nicht an das Spiel der anderen heran. Und nach dem Ansehen von Three Billboards Outside Ebbing, Missouri ist klar, dass hier auf keinen Fall Woody Harrelson als Sieger hervorgehen kann – wenn, dann kann es aus diesem Film nur Sam Rockwell sein – schon bedingt durch die Rolle (da kann Harrelson seine noch so gut spielen). Aber auch das ist eine Wahrheit über Three Billboards Outside Ebbing, Missouri: Spielt Rockwell seine Rolle nicht so, wie er es tut, können alle anderen in diesem Film einpacken. Er ist der heimliche Star, weder Pro- noch Antagonist.

Anders als Willem Dafoe in Florida Project, über den viele Kritiken sagen, dies sei die beste Rolle seines Lebens – und es gab viele. Gegebenenfalls würdigen die Mitglieder der Academy auch in dieser Kategorie ein Lebenswerk, das seine Krönung erfährt. Doch das könnte auch auf Rockwell zutreffen, der nach vielen Indie-Filmen sein Können jetzt endlich auch in einem Film zeigt, der es ganz nach oben geschafft hat.

Wird gewinnen: Sam Rockwell (Three Billboards Outside Ebbing, Missouri)
Könnte gewinnen: Willem Dafoe (The Florida Project)
Sollte gewinnen: Sam Rockwell (Three Billboards Outside Ebbing, Missouri)


Hauptdarstellerin (Actress in a Leading Role):

Nominiert: Sally Hawkins (The Shape of Water) | Frances Mc Dormand (Three Billboards Outside Ebbing, Missouri) | Margot Robbie (I, Tonya) | Saoirse Ronan (Lady Bird) | Meryl Streep (The Post)

Das sieht nach einem Start-Ziel-Sieg aus. Als ich die Nominierten zum ersten Mal sah, war ich mir sicher: Dieser Oscar geht an Saoirse Ronan. Und das dachte ich genau so lange, bis ich Frances McDormand in Three Billboards Outside Ebbing, Missouri sah. Die #MeToo-Thematik, die Kraft und zugleich Leichtigkeit mit der sie eine gewöhnliche, alltägliche, amerikanische Hausfrau und Mutter aus Missouri spielt – die eben alles andere als das ist – sind in meinen Augen schlicht überzeugend.

Noch überzeugender als Sally Hawkins und durch das Genre und die Thematik des Films auch präsenter in der Öffentlichkeit als Saoirse Ronan, die abermals leer ausgehen könnte. Ein fast schon ein wenig DiCaprio-esk anmutendes Phänomen, dass sich auch auf ganze Filme mit ihr in den Hauptrollen erstreckt, die zwar oft viel beachtet, aber (vergleichsweise) wenig ausgezeichnet werden.

Und aus dem letzten Jahr kann ich einen Satz übernehmen: Wenn tatsächlich schon wieder Meryl Streep den Award erhält – für diese Rolle und bei diesen Mitnominierten – wird der Aufschrei groß sein.

Wird gewinnen: Frances Mc Dormand (Three Billboards Outside Ebbing, Missouri)
Könnte gewinnen: Sally Hawkins (The Shape of Water)
Sollte gewinnen: Saoirse Ronan (Lady Bird)


Nebendarstellerin (Actress in a Supporting Role):

Nominiert: Mary J. Blige (Mudbound) | Allison Janney (I, Tonya) | Lesley Manville (Phantom Thread) | Laurie Metcalf (Lady Bird) | Octavia Spencer (The Shape of Water)

Oft ist dies die Kategorie mit vielen unbekannten Filmen und einer einfachen Wahl (im letzten Jahr gingen alle meine drei Prognosen an Viola Davis). Das ist dieses Jahr anders, alle fünf Nominierten spielen in Top-Filmen, die mehrfach in der Nominierungsliste auftauchen. Das macht die Entscheidung auf den ersten Blick nicht viel schwieriger. Kritiken und Jurys waren sich bisher einig: Der Oscar geht an Allison Janney in I, Tonya. Aber Vorsicht! Mary J. Bliges überraschende Performance in Mudbound könnte die Academy-Member beeindrucken, die noch immer die unrühmliche Oscars-so-White-Debatte im Hinterkopf haben. Aber läuft alles normal, geht der Oscar, wie zuvor der Golden Globe und der BAFTA, an Janney.

Wäre im letzten Jahr alles „normal“ gelaufen, hätte es den Wirbel um den Irrtum bei der Verkündung des besten Films erst gar nicht gegeben – eben weil La La Land diesen gewonnen hätte. Doch es gibt einige jüngere, neue Mitglieder der Academy, die das „alte“ Hollywood nicht mehr so sehr verkörpern, wie es früher über Jahre hinweg der Fall war. Und genau die sehen vielleicht in Laurie Metcalf die beste – und einzige – Chance, Greta Gerwigs Lady Bird doch zu einem Oscar zu verhelfen. Denn ansonsten könnte dies ein großartiger und großartig gespielter Film sein, der womöglich in allen nominierten Kategorien auf dem zweiten Platz landet. Ein Schicksal, das er sich tragischerweise mit I, Tonya teilt. Nicht zuletzt aus diesem Grund läuft es bei den Nebendarstellerinnen auf einen Zweikampf hinaus, der dadurch entschieden werden könnte, dass die gleichen, neuen Academy-Member auch Lesley Manville in Phantom Thread würdigen wollen, der als Kostümfilm in fast allen Kategorien eher als Außenseiter daherkommt.

Wird gewinnen:  Allison Janney (I, Tonya)
Könnte gewinnen:  Laurie Metcalf (Lady Bird)
Sollte gewinnen:  Laurie Metcalf (Lady Bird)


Kamera (Cinematography):

Nominiert: Blade Runner 2049 | Darkest Hour | Dunkirk | Mudbound | The Shape of Water

Nach den großartigen und stilistisch so typischen Arbeiten der letzten Jahre fällt es mir in dieser Kategorie diesmal schwer, einen klaren Favoriten auszumachen. Also orientiere ich mich an einer alten, aber häufig funktionierenden Faustregel: Der prominenteste Film gewinnt. Die beiden Top-Filme Shape of Water und Dunkirk werden das Rennen wohl unter sich ausmachen.

Man sollte aber erwähnen, dass Mudbound unterschiedliche Settings und Situationen großartig einfängt – ein Faktor, den Dunkirk schon durch seine Szenerie nicht hat. Und dann ist da noch Blade Runner 2049, dessen Bildgewalt und beeindruckende Darstellung ich schon in meinem Filmrückblick auf 2017 als wesentlich für diesen Film empfand. Schön wäre das, aber ich traue mich nicht, darauf zu wetten.

Wird gewinnen:  The Shape of Water
Könnte gewinnen: Dunkirk
Sollte gewinnen: Blade Runner 2049


Kostümdesign (Costume Design):

Nominiert: Beauty and the Beast (Die Schöne und das Biest) | Darkest Hour | Phantom Thread | The Shape of Water | Victoria & Abdul

Ein Kostümfilm. Über einen Schneider. Der so gut wurde, dass er unter anderem auch als bester Film nominiert ist. Ob Phantom Thread wohl der einzige ernsthafte Anwärter auf diesen Award ist?
Fast schon ein bisschen schade, denn in manch anderem Jahr hätte das wohl auf für Beauty and the Beast und Victoria & Abdul gegolten. Aber ich lag hier ja auch letztes Jahr schon gehörig falsch… Ach ja, und Darkest Hour und The Shape of Water sind auch nominiert.

Wird gewinnen: Phantom Thread
Könnte gewinnen: Beauty and the Beast
Sollte gewinnen: Phantom Thread


Regie (Directing):

Nominiert: Dunkirk | Get Out | Lady Bird | Phantom Thread | The Shape of Water

Im letzten Jahr standen hier die fünf am häufigsten nominierten Filme. Ganz so ist es in diesem Jahr nicht, aber wenig überraschend sind es doch fünf der Filme, die in den Nominierungslisten am häufigsten auftauchen. Regisseurin und Autorin Greta Gerwig sprengt die Runde mit ihrem Debütfilm Lady Bird (zu Ungunsten von Steven Spielberg, aber auch Three Billboards Outside Ebbing, Missouri mit herausragendem Spiel, zu dem irgendjemand das Ensemble ja eigentlich gebracht haben muss – krass!). Eine Auszeichnung wäre folglich eine Riesensensation, insbesondere nachdem die Academy sich im letzten Jahr nicht für das kleine Meisterwerk mit der kleinen, familiären Story, sondern für die große Vision und das La La Land entschied.

Die Vision von Guillermo Del Toro kommt in The Shape of Water deutlich hervor. Seine Idee ist grandios, ja, groß. Dass der Film 13 Nominierungen bekommt zeigt, dass in den Augen der Academy auch deren Umsetzung nicht so ganz schlecht gewesen sein kann. Hier hat sich ein Regisseur selbst verwirklicht, was die Academy nicht nur traditionell, sondern eben auch zuletzt überzeugt hat. Dazu kommt, dass der einzige wirklich prominente Gegner in dieser Kategorie Christopher Nolan ist. – Und der machte halt „nur“ Dunkirk. Das ist ganz sicher kein schlechter Film, aber abgesehen davon, dass das Genre nicht unbedingt prädestiniert für eine Auszeichnung der Regiearbeit ist, ist er in Sachen Tiefgang, Urgewalt und Kraft zwar dem sich thematisch überschneidenden Darkest Hour um Längen voraus, aber dennoch nicht mit früheren Arbeiten Nolans wie beispielsweise The Dark Knight vergleichbar.

Wird gewinnen: The Shape of Water
Könnte gewinnen: Dunkirk
Sollte gewinnen: Lady Bird


Dokumentarfilm (Documentary Feature):

Nominiert: Abacus: Small Enough To Jail | Icarus (Ikarus) | Last Men In Aleppo (Die letzten Männer von Aleppo) | Strong Island | Visages Villages (Faces Places – Augenblicke: Gesichter einer Reise)

Bei der Sichtung der Nominierten fiel schon des Titels wegen mein erster längerer Blick auf Last Men in Aleppo. Ich finde irgendwie, dieses Thema gehört nochmal öffentlich thematisiert. Wie schon beim Sieger dieser Kategorie im letzten Jahr sind die Produzenten wieder von der Verleihung ausgeschlossen, da sie wegen des Einreiseverbots der US-Regierung nicht in die Staaten dürfen. Aber ja, genau, das hatten wir eben letztes Jahr schon. Ein anderes Thema dagegen hat bereits aktuell das öffentliche Interesse: Systematisches Staatsdoping in Russland. Bei den olympischen Spielen wurde Russland als Nation ausgeschlossen. Und Olympia lief während der Abstimmungsphase quasi rund um die Uhr rund um den Globus. Das spricht für Icarus.

Trotzdem ist der süßeste, wundervollste und beste Teilnehmer in dieser Kategorie Faces Places. Ja, die Autorin des Films dokumentiert sich selbst darin. Und ja, das finden manche wohl irgendwie nicht ganz so ideal für eine oscarprämierte Dokumentation. Aber sie ist nicht nur die älteste jemals Oscar-nominierte Person, sondern auch eine der beliebtesten in diesem Jahr. Und es bleibt in dieser Kategorie mehr als in anderen die Hoffnung, dass sich de beiden erstgenannten Nominierten zu ihren Gunsten die Stimmen klauen.

Wird gewinnen: Faces Places
Könnte gewinnen: Icarus
Sollte gewinnen: Faces Places


Dokumentarischer Kurzfilm (Documentary Short):

Nominiert: Edith+Eddie | Heaven Is A Traffic Jam On The 405 | Heroin(e) | Knife Skills | Traffic Stop

Immer wieder Thema in Dokumentarfilmen sind Rassenkonflikte im Alltag. Traffic Stop erzählt darüber am Beispiel einer Verkehrskontrolle in Texas, die eskaliert. Das erinnert von der Thematik an Three Billboards Outside Ebbing, Missouri und zugleich auch nicht. Das kann ein Vorteil sein – und zugleich auch nicht. Knife Skills erinnert mich an Shameless, wo es auch ein Restaurant gibt, in dem frei gekommene Straffällige Arbeit finden. Aber nur weil das Restaurant eine gute Idee ist, ist der Film nicht auch automatisch der beste. Nichtsdestotrotz sind in dieser Kategorie eben oft die Themen entscheidender, als (nur) die handwerkliche Umsetzung.

Alte Weisheit unter Award-Prognostikern: Wenn man keine Ahnung hat, im Zweifel immer auf den Film mit dem längsten Titel setzen! Ob das die Erfolgschancen erhöht, kann ich nicht beurteilen, aber vermutlich hätte ein Film mit dem Titel „Ebbing“ oder „A Loving Mom“ nicht die Aufmerksamkeit auf sich gezogen, die nun Three Billboards Outside Ebbing, Missouri bekommt. Aber Titel allein helfen ja nicht. Denn auch meine erste Idee in dieser Kategorie basiert auf dem Titel: Heroin(e). Irgendwie bin ich nicht überzeugt, dass eine Doku über einen amerikanischen Ort und seine Drogenkonsumenten den Nerv derer trifft, die hier entscheiden.

Das könnte Edith+Eddie schon eher, er ist romantisch, herzzereißend, zu Tränen rührend. Und außerdem nicht ohne mahnenden Zeigefinger ob der amerikanischen Geschichte, die nicht in Vergessenheit geraten soll. Ein rührender Film. Nicht weniger rührend, aber deutlich schwieriger zu verdauen und verfolgen ist Heaven Is A Traffic Jam On The 405 – und das fängt eben schon beim Titel an. Obwohl auch ich eben solch lange, komplexe Filmtitel mag, spätestens seit Birdman or The Unexpected Virtue Of Ignorance. Die bewegende Geschichte über die Künstlerin Mindy Alper zeigt, dass der Stoff, der Monk zum Erfolg verhalf, zwar das Potenzial zur Komödie hat, aber in der Realität meist alles, außer witzig ist. Die Geschichten, Gedanken, Gefühle hinter ihren Kunstwerken sind bewegend, ihr eigenes Leben umso mehr. Deren Umsetzung durch die Einblendung und Animation ihrer Werke wird dem absolut gerecht.
Worauf ich durch Gonzalez Prognose erst aufmerksam wurde, gab den endgültigen Ausschlag für meine Entscheidung: Wann immer die Oscars in der Vergangenheit die Gelegenheit hatten, verkannten Kunstschaffenden eine Plattform und Öffentlichkeit zu bieten, nutzten sie sie auch. Alte Weisheit unter Award-Prognostikern: Wenn man keine Ahnung hat, im Zweifel immer auf den Film mit dem längsten Titel setzen!

Wird gewinnen: Heaven Is A Traffic Jam On The 405
Könnte gewinnen: Knife Skills
Sollte gewinnen: Edith+Eddie


Filmbearbeitung (Film Editing):

Nominiert: Baby Driver | Dunkirk | I, Tonya | The Shape of Water | Three Billboards Outside Ebbing, Missouri

Die Kombination aus Action, Gewalt, Krieg und epischen Bildern hat traditionell gute Karten für die Filmbearbeitung (ich wehre mich gegen die viel zu vereinfachte Bezeichnung „Schnitt“) ausgezeichnet zu werden. Wie es der Zufall so will, ist dieses Jahr Dunkirk nominiert.

Aber Achtung, wo wir von Action sprechen: Da ist Baby Driver. Krasser Film! Schnelle Bildwechsel, viele gewagte Einstellungen und rasante Schnitte. Moment – Schnitte? Ja, der Punkt dürfte klar sein. Aber nun ja, auch ich bin ein zu großer Fan der Idee, dass Dunkirkwenn ich ihm schon in den „großen“ Kategorien keine allzu großen Chancen einräume, (wenigstens) den Technik-Hattrick einfährt, um an Baby Driver zu glauben.

Wird gewinnen: Dunkirk
Könnte gewinnen: Baby Driver
Sollte gewinnen: Baby Driver


Fremdsprachiger Film (Foreign Language Film):

Nominiert: A Fantastic Woman (Eine fantastische Frau) | Loveless (Nelyubov) | On Body And Soul (Körper und Seele) | The Insult | The Square

Tja, nachdem die große deutsche Hoffnung letztes Jahr nicht gewann, ist sie dieses Mal trotz der Auszeichnung bei den Golden Globes nicht mal nominiert. Das macht es mir schwerer, mich festzulegen. Auch wenn eigentlich alle nominierten Filme schon weit vor den Oscars veröffentlicht wurden, war es für mich gar nicht so einfach, mehr als nur bruchstückhafte Informationen darüber zu bekommen (womit ich meine, dass ich sie nicht einfach selbst ansehen konnte). Also nähere ich mich dem Thema über den Inhalt der Filme (Achtung, Spoiler!).

Am wenigsten beeindruckt hat mich dabei The Square, den ich vermutlich persönlich hoch spannend fände, aber trotz einer Goldenen Palme in Cannes einfach nicht als Oscar-Preisträger sehe. On Body And Soul, der aktuelle Gewinner des Goldenen Bären bei der Berlinale, hat irgendwie so ein bisschen das Shape of Water-Thema: Von der Gesellschaft ausgestoßen und auf eine ganz eigene, mysteriöse Weise miteinander verbunden. Auch Loveless ist Gesellschaftskritik. Nicht nur allgemein, sondern speziell auf Russland bezogen. Die Kombination aus den Schwierigkeiten einer Scheidung an sich und dem Leben in Russland ergeben die geschilderten Probleme eines vernachlässigten Kindes. Nun ja, Russlandkritik geht ja eigentlich immer – oder? Was auch immer geht: Das Thema von The Insult – Palästina. Man ist fast geneigt zu sagen: Der Klassiker. Ein immerwährendes Thema, dem sich der FIlm aber auf eine weniger israel-kritische Weise nähert, als einige andere. Kaum etwas auszusetzen gibt es, was die Chancenabwägung angeht, an A Fantastic Woman. Transgender sind auch in den USA ein aktuelles Thema, die Hauptdarstellerin hat eine gewisse Popularität und auch die politische Aussage des Films kommt nicht zu kurz. Zusammengefasst: Wir haben einen Favoriten.

Wird gewinnen: A Fantastic Woman
Könnte gewinnen: The Insult
Sollte gewinnen: A Fantastic Woman


Makeup & Hairstyling:

Nominiert: Darkest Hour | Victoria & Abdul | Wonder (Wunder)

Mein Epic Fail letztes Jahr. Zwar hatte ich nur einen der drei Nominierten ausgeschlossen, aber dass Suicide Squad gewinnen könnte, hätte ich nicht ernsthaft für möglich gehalten. Neues Jahr, neuer Versuch! Victoria & Abdul lebt von der Optik des Ensembles, aber trotz vieles aufwendiger Looks ist mir das Makeup und Hairstyling nicht in bleibender Erinnerung geblieben.

Anders bei den beiden anderen: Man kann sowohl von Darkest Hour als auch Wonder nicht einmal einen Trailer schauen, ohne die Leistungen in Sachen Makeup und Frisuren zu bemerken. Ich fürchte, dass sich auch hier der populärere Film durchsetzt, obwohl es ein anderer mehr verdient hätte. Aber was weiß ich schon? – Letztes Jahr lag ich ja auch falsch!

Wird gewinnen: Wonder
Könnte gewinnen: Darkest Hour
Sollte gewinnen: Wonder


Soundtrack (Original Score):

Nominiert: Dunkirk | Phantom Thread | Star Wars: The Last Jedi (Star Wars: Die letzten Jedi) | The Shape of Water | Three Billboards Outside Ebbing, Missouri

Dieser Soundtrack von Alexandre Desplat ist Liebe. Die Musik zu The Shape of Water ist beim einfachen Anhören schön und in Kombination mit den Bildern traumhaft. Müsste man die Form von Wasser in Musik gießen – so klänge das. Und doch ragt aus diesem Gesamtkunstwerk noch etwas heraus. „Chica Chica Boom Chic“ ist als Key Track so dermaßen anders als der komplette restliche Sound des Films, schreit nach Cadillac und amerikanischem Lebensgefühl und untermalt die gezeigten gesellschaftlichen Kontraste, von denen der ganze Film erzählt, sodass die Frage erlaubt sein muss, warum der nicht auch als bester Song zumindest nominiert wurde. Gleiches gilt für den Titelsong: „Shape of Water“ ist ein traumhaftes Lied, dessen Thema im Film häufiger und präsenter vorkommt, als beispielsweise beim prominenten Oscar-Gewinner My Heart Will Go On.

Ein ähnliches Resumee lässt sich auch über Phantom Thread ziehen. Mit Liebe und Detailversessenheit wurde für diesen Film nicht nur ein Soundtrack, sondern eine ganze Symphonie komponiert, die sich in mehreren Akten durch den Film schlängelt, wie ein Faden durch den Stoff. Schaut man sich die vergangenen Preisträger stellt man fest, dass es nur solche mit häufigen Nominierungen sind, nichts unbekanntes. Dass es trotzdem nicht John Williams für Star Wars (allein dafür zum 5. Mal nominiert) wird, ist ebenso zu hoffen, wie wahrscheinlich. Gleiches gilt für Hans Zimmers Arbeit für Dunkirk, die schlicht nicht die Qualität früherer Werke hat. Es bleibt Alexandre Desplat.

Wird gewinnen: The Shape of Water
Könnte gewinnen: Phantom Thread
Sollte gewinnen: The Shape of Water | Phantom Thread


Song (Original Song):

Nominiert: Mystery of Love (aus Call Me By Your Name) | Remember Me (aus Coco) | This Is Me (aus Greatest Showman – The Greatest Showman) | Stand Up For Something (aus Marshall) | Mighty River (aus Mudbound)

Wendet man das Prinzip des Soundtracks auf den Song an, gewinnt „Remember Me“ aus der Feder der Writer von „Let It Go“. Auch so haben Disney-Songs traditionell nicht die schlechtesten Karten. Aber die Konkurrenz ist stark, stärker als beim letzten Disney-Sieg (eben „Let It Go“, und auch schon 2014). Frage ich in meinem Umfeld, kann es ebenfalls nur einen Gewinner geben: „This Is Me“. Das ist aber auch ein geiler Song. Er fügt sich perfekt ein in den gesamten Soundtrack von Greatest Showman, sticht aber dennoch heraus. Ginge es um Lyrics, die perfekt zum Film passen, läge „Mystery of Love“ auf Platz 1. Er fängt so toll ein, was der Film aussagen möchte und ist damit streng genommen der Song, der die Kriterien am besten erfüllt.

Das würde ich gern über „Mighty River“ sagen, doch im Film fand ich ihn nicht so stark und kraftvoll, wie er für sich genommen ist. Da fielen mir „Chica Chica Boom Chic“ und „Shape of Water“ deutlich mehr auf – die beide in der Liste fehlen. Trotzdem hat der Song womöglich Chancen, auch weil Interpretin Mary J. Blige als Darstellerin nominiert ist. Es bleibt „Stand Up For Something“, das sich auf viele wichtige Themen anwenden lässt und deshalb auch auf den aktuellen Moment passt – aber genau das ist eben, es macht keine konkrete Aussage über den Inhalt des Films. Und so landet man in einer starken Konkurrenz mit vielen möglichen Favoriten wieder ganz am Anfang: Träge Kategorie, Popsongs und politische Aussagen waren in den vergangenen Jahren nur einmal angesagt („Glory“, 2015) und wenn es Zweifel am Gewinner gibt, gewinnt eben Disney.

Wird gewinnen: Remember Me (Coco)
Könnte gewinnen: This Is Me (Greatest Showman)
Sollte gewinnen: Mystery of Love (Call Me By Your Name)


Produktionsdesign (Production Design):

Nominiert: Beauty and the Beast | Blade Runner 2049 | Darkest Hour | Dunkirk | The Shape of Water

Es mag eine besondere Ehre sein, gleich mehrmals in einer Kategorie für einen Oscar nominiert zu sein. Etwas unglücklich ist vielleicht, wenn das im gleichen Jahr geschieht – man also in Konkurrenz zu sich selbst tritt. Das passiert dieses Jahr. Und Beauty and the Beast und Darkest Hour repräsentieren beide, was man sich typischerweise unter einem tollen Szenenbild vorstellt. Vielleicht zu sehr. Dunkirk besticht hier durch einen starken Kontrast zwischen der unendlichen Weite und Trostlosigkeit von Strand und Meer auf der einen und Detailverliebtheit bei der Gestaltung kleiner Räume auf Booten auf der anderen Seiten. Dieser Kontrast ist noch stärker bei Blade Runner 2049. Das Dystopie-Setting kommt so stark hervor, dass man in diese Welt, nein, diese Welten eintaucht – und ich liebe es. Meine Entscheidung wäre klar.

Aber es gibt da eben diesen Film mit Wasser in Räumen, gewaltigen Maschinen in fast schon beiläufigen Szenen, durchgängiger Stilistik von einer liebevollen Bedrohlichkeit und Kälte – und eben zwölf weiteren Nominierungen. Da macht man dann – auch nicht völlig zu unrecht – mal schnell ein Kreuz in einer Kategorie, in der man sich gegebenenfalls nicht zu 100% Zuhause fühlt.

Wird gewinnen: The Shape of Water
Könnte gewinnen: Dunkirk
Sollte gewinnen: Blade Runner 2049


Animierter Kurzfilm (Short Film Animated):

Nominiert: Dear Basketball | Garden Party | Lou | Negative Space | Revolting Rhymes (Es war einmal… nach Roald Dahl)

Letztes Jahr war ich geflasht von Piper. Der beste Pixar-Kurzfilm seit Langem und ein würdiger Oscar-Gewinner. Auch, weil die Animationen von Wasser und Wassertieren so grandios gelungen waren. Nimmt man das als Grundlage, kann nur Garden Party in diesem Jahr gewinnen. Wüsste man nicht, dass es ein Animationsfilm ist, würde man es kaum bemerken. Das Wort Quantensprung ist hier absolut angemessen. Ginge es um die Technik allein, könnte es nur einen Sieger geben. Nicht ohne Grund verwende ich den Konjunktiv. Eigentlich hatten Kinderbuchverfilmungen als Kurzfilme nicht immer die besten Karten bei den Oscars, so auch die deutsche Produktion Der Grüffelo, die ich liebe. Aber nicht immer war die Buchvorlage aus der Feder des legendären Roald Dahl. Diese Tatsache macht schon die erzählte Geschichte allein so gut und so populär, dass an diesem Film kein Weg vorbei führt. Da wird es dann auch schwer für den diesjährigen Disney-Kandidaten Lou, der im Kino vor Cars 3 lief, also ähnlich wie Piper vor einem in der „großen“ Kategorie völlig belanglosen Film. Lou ist süß gemacht und trifft einen ähnlichen Nerv wie Piper, doch die Animation ist weniger naturalistisch als in Garden Party und die Story hat weniger Tiefgang als Revolting Rhymes. Dear Basketball von und über Basketball-Legende Kobe Bryant ist meiner Meinung nach eher überraschend nominiert. Sollte der gewinnen, dann wohl nur aus nostalgischen und patriotischen Gründen.

Mein persönlich bester animierter Kurzfilm des Jahres taucht in der Nominierungsliste gar nicht auf. Das liegt in erster Linie daran, dass er die Nominierungskriterien gar nicht erfüllt, weil er nicht im Kino lief. Ob er es in den Kreis geschafft hätte, wäre aber auch dann fraglich. Zu klar und plakativ ist die Aussage zu einem Thema, das im prüden, zurückhaltenden Amerika mit Vorsicht behandelt werden muss. Wenn auch nicht unbedingt durch die Academy, die eigentlich alles liebt, das sich mit der Positionierung von Minderheiten im Rampenlicht beschäftigt. Dass der Film gut ist, steht außer Frage. In A Heartbeat sind 245 Sekunden Liebe.

Wird gewinnen: Revolting Rhymes
Könnte gewinnen: Garden Party | Lou
Sollte gewinnen: In A Heartbeat


Kurzfilm (Short Film Live Action):

Nominiert: DeKalb Elementary | My Nephew Emmett | The Eleven O’Clock | The Silent Child | Watu Wote – All Of Us

Wieder kann ich eine Formulierung aus dem letzten Jahr übernehmen: In dieser Kategorie muss ich mich ganz auf mein Gefühl verlassen. Und das, was ich über die nominierten Filme gelesen habe. Eleven O’Clock ist schon irgendwie witzig, aber ohne den politischen und gesellschaftlichen Tiefgang aller anderen Kandidaten. Inklusive The Silent Child, bei dem die allgemeine Aussage etwas unterschwelliger gemacht wird, die konkrete Botschaft im Bezug auf das Verhalten von Eltern gegenüber einem zurückgezogenen Kind dafür aber umso deutlicher – vielleicht auch ein bisschen zu sehr mit der Brechstange. Es bleibt ein super Thema – und schon das macht es zu einem würdigen Nominierten. Für den deutsch-kenianischen Beitrag Watu Wote – All Of Us ist schon die Nominierung eine große Ehre. Wer denkt schon bei einem Studentenprojekt daran, bei den Oscars dabei zu sein? Die Frage ist, wie sehr das Thema die Mitglieder der Academy in den USA erreicht.

Das Thema von My Nephew Emmett (Sehr grob zusammengefasst: Schwierigkeiten von schwarzen Familien im Kontrast zu weißen) passt in die aktuelle, wie eigentlich fast jede Zeit, wenn es auch eigentlich zu kurz beleuchtet wird. Aus dem Film hätte ein Spielfilm – und Oscar-Favorit – werden können. Die Geschichte von DeKalb Elementary erzählt die Ereignisse an einer Schule – und von den Gefahren, die dort auch durch gesellschaftliche Konflikte entstehen können. Das könnte in Anbetracht kürzlicher Ereignisse klappen, vor allem wenn sich viele der Mitglieder erst kurzfristig entscheiden.

Wird gewinnen: DeKalb Elementary
Könnte gewinnen: My Nephew Emmett
Sollte gewinnen: DeKalb Elementary


Tonbearbeitung (Sound Editing):

Nominiert: Baby Driver | Blade Runner 2049 | Dunkirk | Star Wars: The Last Jedi | The Shape of Water

Schon letztes Jahr gewann der laute Kriegsfilm (Hacksaw Ridge) gegen den Topfavoriten (und auch meinen Favoriten), diesmal könnte es ähnlich sein. Ohne zu erwähnen, dass nachdem ich ihn (nur wegen seiner Nominierung) gesehen habe, eigentlich Baby Driver in diesem Jahr mein Favorit wäre. Laut, actionreich und durch Mark und Bein klingt auch der. Mehr sogar noch, als ich es von Blade Runner 2049 in Erinnerung habe. Und dass die nunmehr achte Wiederholung grandioser Sounderfindungen Star Wars einen Oscar beschert, wäre schon ein wenig seltsam. Die eingangs genannte Variante bleibt die wahrscheinlichste, auch weil der Sound, das Flüstern des Wassers, wie ja schon der Name sagt, nicht unbedingt minder eindrucksvoll umgesetzt ist, als der Lärm des Krieges.

Wird gewinnen: Dunkirk
Könnte gewinnen: The Shape of Water
Sollte gewinnen: Baby Driver


Tonmischung (Sound Mixing):

Nominiert: Baby Driver | Blade Runner 2049 | Dunkirk | Star Wars: The Last Jedi | The Shape of Water

Die gleichen Nominierten wie bei der Tonbearbeitung. Das ist auch nicht unbedingt selbstverständlich, in den letzten Jahren gab es da immer mal wieder Unterschiede. Und auch die Gewinner waren nicht unbedingt die gleichen. Wobei so ein Durchmarsch natürlich etwas schönes hat, insbesondere als Gegenpol zu den bei den Spiel-Kategorien favorisierten Filmen.

Klar, das Technik-Triple könnte neben Dunkirk auch Baby Driver holen. Wer von euch hatte den vorher auf dem Zettel? Genau! Wenn es der Academy ähnlich geht, dürfte der Fall klar sein. Und vergessen wir auch hier wieder The Shape of Water nicht, den diesjährigen Liebling (was die Zahl der Nominierungen angeht), der ja nun auch nicht unbedingt leer ausgehen soll…

Wird gewinnen: Dunkirk
Könnte gewinnen: The Shape of Water
Sollte gewinnen: Baby Driver


Visuelle Effekte (Visual Effects):

Nominiert: Blade Runner 2049 | Guardians of the Galaxy Volume 2 | Kong: Skull Island | Star Wars: The Last Jedi | War for the Planet of the Apes (Planet der Affen: Survival)

Letztes Jahr war ich vom Ergebnis in dieser Kategorie etwas enttäuscht. Trotz deutlicher Schwächen in einigen Sequenzen setze sich am Ende die aufwendige Animation der Tiere in The Jungle Book durch. Das spricht aber umso mehr dafür, dass sich in diesem Jahr mein Favorit auch durchsetzt. Der dritte Teil der neuen Planet der Affen-Saga verbessert sich in Sachen Spiel, Musik und eben auch visuelle Effekte gegenüber seinen Vorgängern deutlich. Noch bei den beiden vorangegangenen Teilen gefielen mir insbesondere die Haare der Tiere nicht, auch bei Mimiken gab es durchaus Verbesserungspotenzial. Aber das ist nun Vergangenheit. Und da es – irgendwie bedauerlicherweise – für das beste Motion Capture-Schauspiel von Hauptdarsteller Andy Serkis eben keinen Oscar geben kann, ist der für visuelle Effekte vielleicht ein bisschen für ihn.

Das einzige, was der Entscheidung meiner Meinung nach in die Quere kommen kann, ist das typische Vorgehen, ein Kreuz im Zweifel eher bei einem populären Film zu machen. Und zwar hat War for the Planet of the Apes gegenüber den beiden anderen nur in dieser Kategorie nominierten Kandidaten die Nase klar vorn, aber mit dem achten Star Wars ist auch eine Art Film nominiert, für die diese Kategorie erfunden wurde. Und – ich erwähnte das vielleicht ein, zwei Mal – Blade Runner 2049 ist nicht eben ein schlecht gemachter Sci-Fi-Streifen. Zwar setze ich nicht darauf, aber auch eine Wiederholung der Mad Max-Sensation und mehrere Technik-Oscars würden mich nicht völlig überraschen.

Wird gewinnen: War for the Planet of the Apes
Könnte gewinnen: Blade Runner 2049
Sollte gewinnen: War for the Planet of the Apes


Adaptiertes Drehbuch (Writing, Adapted Screenplay):

Nominiert: Call Me By Your Name | Logan | Molly’s Game | Mudbound | The Disaster Artist

Was für ein Film ist bitte The Disaster Artist? Mehrmals während ich ihn sehe schießt mir durch den Kopf: Wer denkt sich sowas aus? Die Antwort: Niemand! Das ist wirklich so passiert! Einerseits könnte das die Erfolgschancen schmälern, andererseits ist eben die Geschichte, die sich in der Realität ereignet hat, so voll von absurden Ideen, dass man das erstmal in Worte fassen muss, die einen verständlichen Film ergeben, der trotzdem so verrückt ist, wie dieser.

Weil ich es so gerne mache, wiederhole ich mich an dieser Stelle schon wieder: Als Zuschauer eines Films ist es schwierig, zu beurteilen, welchen Anteil ein adaptiertes Drehbuch an der tatsächlichen Umsetzung des Filmes hatte. Ich sehe mir die Story an, welche Ecken sie macht, welche Überraschungen sie zu bieten hat, wie unterhaltsam sie ist. Mudbound hat eine komplexe Story. Sie hätte einfach runter erzählt werden können und es wäre ein bequemer, aber verhältnismäßig langweiliger Film entstanden. Nach dem Erfolg von Moonlight im letzten Jahr, könnte er würdig anknüpfen. Und ein gutes Drehbuch verleiht der Story eine andere Dramaturgie und viele liebevolle Details. Beides trifft aber auch auf einen anderen Kandidaten zu, der darüber hinaus auch (als einziger in dieser Kategorie) als bester Film im Rennen ist. Die mutige, liebevolle, tiefgründige Geschichte über die Liebe, die in Call Me By Your Name erzählt wird für die Leinwand so zu schreiben, dass der Film und die Darsteller der Story gerecht werden können, ist ein Verdienst, der mit dem Oscar ausgezeichnet gehört.

Wird gewinnen: Call Me By Your Name
Könnte gewinnen: Mudbound
Sollte gewinnen: Call Me By Your Name


Originaldrehbuch (Writing, Original Screenplay):

Nominiert: Get Out | Lady Bird | The Big Sick | The Shape of Water | Three Billboards Outside Ebbing, Missouri

In keiner Kategorie hatte ich so wenig Lust, mich auf irgendetwas festzulegen, wie in dieser. Und nun kommt sie auch noch ausgerechnet als letzte im Alphabet, weshalb ich sie auch erst ganz zum Schluss angehe, nachdem ich alles andere abgehandelt habe. Die Auszeichnung der Autorengilde bekam Get Out, wodurch er vielleicht gegenüber den anderen einen kleinen Vorteil hat. Da aber Three Billboards Outside Ebbing, Missouri dort nicht teilnahm, ist völlig offen, ob er sich gegen den auch durchgesetzt hätte. Davon abgesehen sind die Oscars eben die Oscars und haben ihre eigenen Gesetze. Könnte beispielsweise Greta Gerwig – sozusagen als Entschädigung – für ihr Drehbuch ausgezeichnet werden, weil sie den Regie-Oscar für Lady Bird vielleicht verdient hätte, aber wahrscheinlich nicht bekommt?

Die unwahrscheinlichste, an Höhepunkten reichste und mit den meisten unerwarteten und unglaublichsten Details gespickte Geschichte wird in The Big Sick erzählt. Besonders beeindruckend daran ist, dass sie wahr ist. Nicht nur das: Die Protagonisten schrieben ihre eigene Geschichte selbst, einer der beiden spielt sich im Film sogar selbst. Letzteres ist in dieser Kategorie irrelevant, ersteres kann, wie auch in der anderen Drehbuch-Sparte, vielleicht eher ein kleiner Nachteil sein – neben dem Faktor, dass er als einziger der fünf Nominierten ausschließlich diese eine Nominierung hat. Geht man also nach dem Ausschlussprinzip vor, bleibt Get Out der größte Favorit – auch weil er sich eben gegen den Academy-Liebling The Shape of Water schon bei anderen Preisverleihungen durchgesetzt hat.

Wird gewinnen: Get Out
Könnte gewinnen: Three Billboards Outside Ebbing, Missouri
Sollte gewinnen: The Big Sick

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