Fragen des Lebens

Kennst du das? Du grübelst, über dich selbst, dein Leben, eine bestimmte Situation.

Manchmal nur einen kurzen Augenblick, manchmal stundenlang. Du liegst nachts wach, weil dich etwas beschäftigt, wofür du am Tag keinen Raum finden konntest. Oder stehst plötzlich an einem Punkt in deinem Leben, an dem du dich ganz grundsätzlich fragst, wofür du das alles überhaupt machst. „Das alles“? Was ist denn das alles überhaupt? Was ist dein Ziel? Für dein Leben. Für den Tag. Für diesen Moment.

Wer bin ich und wenn ja wie viele?

Was als ironischer Spruch eines Comedians begann, ist ein Satz, der mir immer wieder an verschiedenen Stellen begegnet. Denn er enthält – wie so oft bei Ironie und Sarkasmus – viel mehr Wahrheit, als man im ersten Moment erkennt – und wahr haben will. Wer bin ich? Eine Frage, die vermutlich jeder Mensch unterschiedlich beantworten würde – mich selbst eingeschlossen. Insofern bin ich eben nicht nur einer, sondern, wenn ich von vielen unterschiedlichen Menschen wahrgenommen werde, auch gleichzeitig sehr viele. Und allen diesen „Persönlichkeiten“ werde ich tagtäglich mehr oder weniger gerecht. Sichtweisen verändern sich, Erwartungen werden erfüllt, enttäuscht oder übertroffen. Und wenn es gut läuft, gelingt es mir sogar, jemanden zu überraschen, im Idealfall mich selbst.

Aber ist das nicht alles auch irgendwie eine Art Druck? Der Druck, den Ansprüchen und Anforderungen gerecht zu werden. Denen, der Gesellschaft, meiner Freunde, aber auch meinen eigenen. Die Kunst ist wohl, sich selbst darüber klar zu werden, was diese Ansprüche, Anforderungen und eben Erwartungen denn eigentlich sind – und ob man dem immer gerecht werden will. Ein wichtiger Ratgeber und guter Freund hat mir vor einigen Jahren etwas mit auf den Weg gegeben, dass mich seitdem prägt und das ich mir immer wieder ins Gedächtnis rufe. Einen Rat, den ich inzwischen auch selbst hier und da mit anderen teile.

Wann bin ich authentisch?

Was ist eigentlich diese Authentizität? Abgesehen davon, dass kaum jemand das Wort in einem flüssigen Satz fehlerfrei über die Lippen bringt, bringt Authentizität auch sonst so ihre Tücken mit sich. Auf einer Geburtstagsfeier, zu der ich spontan einfach mitgenommen wurde, ereignete sich ein Gespräch, das ich mein Leben lang nicht vergessen werde. In dessen Verlauf hörte ich etwas, das mir zu denken gab und noch bis heute gibt. So sehr, dass ich oft nicht sicher bin, ob ich es ganz richtig in Erinnerung habe.

Ob du authentisch bist, hängt von drei verschiedenen Faktoren ab:
1. Wie du dich selbst siehst.
2. Wie andere dich sehen.
3. Was du selbst und andere denken, wie du von anderen und dir selbst gesehen wirst.
Und nur wenn alle diese drei Faktoren im Einklang sind, bist du authentisch.

Während die beiden ersten Punkte noch recht eindeutig sind, bedarf der Dritte vielleicht einer etwas ausführlicheren Erklärung. Hiermit ist gemeint, dass ich selbst eine Vorstellung davon habe, wie andere Menschen mich sehen. Und andere Menschen haben eine Vorstellung davon, wie ich selbst mich sehe. Aber auch davon, wie wieder andere Menschen mich sehen. Ist das verständlich? Ich hoffe schon, denn mir fallen keine Formulierungen ein, das besser zu erklären.
Auch Jahre später maße ich mir nicht an, einschätzen zu können, ob diese These wirklich hundertprozentig zutreffend ist. Aber ich muss zugeben, dass da schon etwas dran ist. Und rückblickend kann ich auch mit Sicherheit sagen, dass ich ausgehend von dieser Theorie damals ganz sicher nicht authentisch war. Und wahrscheinlich bin ich das auch heute oft nicht. Vielleicht kann ich das an einem Beispiel erklären, das mir in den letzten Jahren immer wieder passiert, mich geradezu verfolgt.

Bin ich arrogant, unnahbar, einfach nur schüchtern oder ängstlich?

Ich selbst halte mich für einen sehr zurückhaltenden, schüchternen, ja sogar eher ängstlichen Menschen. Ich habe Angst, Fehler zu machen. Angst, dass mich andere für langweilig, dumm und auf unangenehme Art aufdringlich halten. Ich gehe normalerweise eher davon aus, für jemanden nicht besonders interessant zu sein und anderen nichts bieten zu können. Meinem Partner sagte ich am Anfang unserer Beziehung, dass ich große Angst davor habe, ihm nicht gerecht werden zu können. Das ist keine Floskel, die man sagt, um dem anderen zu schmeicheln. Diese Angst hält bis heute an.

Andere Menschen halten mich oft für selbstsicher, zum Teil sogar selbstherrlich. Jemand, der sich für besser, privilegierter hält, als andere. Dessen Beachtung, Gesellschaft oder gar Zuneigung man nicht wert ist. Arrogant, unnahbar, abweisend. Das sind nicht meiner persönlichen Einschätzungen, sondern Schilderungen von Menschen, mit denen ich aus den verschiedensten Gründen über solche Dinge sprach und von denen einige später zu meinen Freunden wurden. Und dennoch habe ich auch während dieser Freundschaften immer wieder mit diesen Einschätzungen zu kämpfen. „Ich dachte nicht, dass dich das interessiert.“ ist ein Satz, den man sehr häufig hört, wenn andere einen für sehr selbstbestimmt, sicher und wählerisch im Bezug auf soziale Interaktion halten.

Denn hier kommt der dritte Punkt zum Tragen, der die beiden anderen ein Stück weit vereint. Ich glaube eher, dass jemand mich für laut, schrill, aufdringlich und dabei doch langweilig und nichtssagend hält, als anzunehmen, dass jemand von mir einen Schritt auf sich zu erwartet, erhofft oder einfach begrüßen würde. Deshalb halte ich mich mit so etwas eben eher zurück. Es passt zum ersten Punkt, dass ich schüchtern und zurückhaltend bin. Und dennoch habe ich oft ein Auftreten und eine Wirkung, die auf andere einen völlig anderen Eindruck macht. Ich kann mich gut ausdrücken, weiß einiges und kann mir noch mehr aus Zusammenhängen erschließen. Deshalb habe ich auf viele Fragen eine Antwort, oft auch eine ausführlichere, als eigentlich erwartet worden wäre. Da geht man doch davon aus, dass ich selbst schon das Wort ergreife und die Kommunikation voran treibe, wenn mir danach ist. Und wenn genau das nicht geschieht, nun, dann ist mir also wohl nicht nach einem Gespräch. Ich sehe mich schüchtern. Jemand sieht mich zurückhaltend. Ich denke, jemand sieht mich uninteressant und aufdringlich. Jemand denkt, ich sehe mich besser, als andere. Kennt mich jemand nicht gut, wirkt das schnell unnahbar und arrogant. Eine fatale Kombination.

Mehr Selbst wagen.

Ein Freund von mir entschuldigt sich regelmäßig dafür, dass er sich quasi aufgedrängt habe, Teil meines Lebens zu werden, indem er einfach immer wieder bei verschiedenen Anlässen zu Besuch war. Ich bin sehr dankbar dafür, denn sonst wäre diese Freundschaft vermutlich nie entstanden. Eben, weil ich selbst geglaubt hätte, nicht interessant genug dafür zu sein, nicht genug dafür zu bieten zu haben.

Das trifft überhaupt auf viele, sogar die meisten meiner Freundschaften zu. Ich glaubte einmal, jemand ginge mir bewusst aus dem Weg, weil mehrere Ansätze zu Verabredungen im Sande verliefen und der persönliche Kontakt monatelang nicht wirklich zustande kam. Dann wagte ich etwas, das absolut nicht zu mir passt und in meinen eigenen Augen überhaupt nicht authentisch ist: Ich sagte ihm genau das. Erst dadurch fiel ihm überhaupt auf, wie alles auf mich gewirkt hatte. Der Kontakt wurde intensiver und wir fanden schnell eine persönliche Ebene, die ich in meinem Leben nur sehr selten auf diese Art kennenlernen durfte.

Seitdem mehren sich die Ereignisse, in denen die drei Faktoren vielleicht etwas besser zusammenpassen. Mein gesamtes Umfeld entwickelt sich, ich entwickle mich. Die Zweifel werden weniger. Was jedoch nicht weniger wird, sind diese Momente, in denen ich mich frage, wer ich eigentlich bin und wohin mich das bringen wird. Und mit wem. Und, ob das ein Ort ist, an den ich überhaupt gelangen möchte. Doch wenn ich dann so in die Ferne schweife, räumlich und zeitlich, rufe ich mich oft selbst zurück in das Hier und Jetzt. Und erinnere mich an mein eigentliches Ziel. Nicht irgendwann, irgendwo etwas, jemand zu werden, bei dem die Faktoren übereinstimmen und dessen Erscheinung ganz und gar authentisch ist. Sondern einfach jetzt ich selbst zu sein. Denn wenn mir das gelingt, erledigt sich der ganze Rest von selbst. Die Fragen, die ich mir stellen muss, sind also nicht in die Zukunft gerichtet, sondern gegenwärtig. Wer bin ich jetzt? Wer möchte ich jetzt sein? Und, falls die Antwort auf beide Fragen nicht dieselbe ist, wieso ändere ich das nicht einfach?

Ich weiß, wer ich bin.

Jeder Mensch weiß doch, was ihn ausmacht. Ob uns das gefällt, oder nicht. Man weiß, was man gern isst, welche Musik man gern hört und ob man lieber Schoko mag oder Vanille oder am liebsten beides. Und falls jetzt irgendjemand findet, das kommt ganz auf die Umstände an – ja, klar. Aber ich frage jetzt. Und wenn mich die Umstände in einer Stunde, morgen oder im nächsten Jahr interessieren, frage ich dann nochmal. Man muss einfach nur ehrlich zu sich selbst sein und dann auch vor anderen dazu stehen. Schon ist man authentisch. Klingt einfach? Ist es auch.

Durch eine App bekam ich in den letzten Wochen ein Gefühl dafür, wie schwer und doch zugleich simpel es ist, persönliche, banale und völlig eindeutige Fragen offen, ehrlich und endgültig zu beantworten. Wie die Antwort auf eine Frage lautet, hängt fast immer von dem Moment ab, in dem sie gestellt wird. Das gilt für den Film, den man sich ansehen möchte, aber auch für den Menschen, dem man nah sein will. Wenn ich so regelmäßig Fragen beantworte, entsteht eine Art Fragentagebuch. Wann immer ich will kann ich noch einmal einen Blick zurück werfen. Stelle vielleicht fest, was sich geändert hat oder bemerke, wie vieles gleich geblieben ist. Und es sind die Fragen, die ich auch in einem Jahr noch genauso beantworte, wie heute oder vor einer Woche, einem Monat, die mir ganz nebenbei zeigen, wer ich bin.

Was fragst du dich?

Probieren wir es aus! Welche Fragen stellst du dir? Welche Fragen stellst du mir? Es ist völlig egal, ob es um die Lieblingsfarbe geht, um den perfekten Urlaub oder die beste und schlechteste eigene Eigenschaft. Und wie passen unsere Antworten zu unseren Erwartungen? Es geht nicht so sehr darum, den wirklichen Inhalt der Antworten zu erfahren, als vielmehr darum herauszufinden, ob der Mensch, den wir vor uns sehen, wirklich der ist, für den wir ihn halten. Völlig egal, ob wir einer Person gegenüberstehen, oder einem Spiegel. Man muss einfach nur ehrlich zu sich selbst sein und dann auch vor anderen dazu stehen. Schon ist man authentisch. Klingt einfach? Ist es auch.

Ein Gedanke zu “Fragen des Lebens

  1. Ich finde es gar nicht so einfach, aber total wichtig dran zu bleiben. Dein Text hat mich mal wieder neu inspiriert über so einiges nachzudenken. Danke. 🙂

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