Auf Klassenfahrt

Wer einmal auf Klassenfahrt war, kennt das: Jungen und Mädchen dürfen nicht zusammen auf ein Zimmer. Logisch. Wirklich?

Ich komme besser mit Mädchen klar. Das sollte akzeptiert werden.“

Tim Endert

Tim Endert (Quelle: change.org)

Ist das sinnvoll, wenn unter den Jungen und Mädchen auch offen Homosexuelle sind? Und was ist mit denen, die sich weder als das eine noch als das andere definieren? Laut Gesetz müssen die Zimmereinteilungen nach Geschlechtern erfolgen und darf die sexuelle Orientierung dabei keine Rolle spielen. Der Schüler Tim Endert aus Greifswald startete auf change.org eine Petition, um an dieser Situation etwas zu ändern. Dort schildert er auch seinen persönlichen Fall:

„Ich, als homosexueller Junge, hatte seit Anfang an den Wunsch geäußert, mit meinen beiden besten Freundinnen ein Zimmer auf der Klassenfahrt zu teilen. Wir alle, auch unsere Eltern, waren damit vollkommen einverstanden.“ Für den Schuldirektor seien weder die sexuelle Orientierung noch das Einverständnis der Eltern triftige Gründe gewesen. Diese seien zum Beispiel, von den anderen Jungs gemobbt zu werden. Tim Endert fühlt sich unverstanden. Als sei seine Homosexualität falsch, weil sie von der Norm abweiche. Er berichtet, dass er auch an seiner Schule nicht der erste Betroffene sei, die anderen die Gegebenheiten aber irgendwie hingenommen hätten, die aber aus seiner Sicht eben nicht hinnehmbar sind.

„Es kommt ja schon fast so rüber, als wäre es unnormal, Freunde des anderen Geschlechts zu haben. Meiner Meinung nach wird mit dieser Regelung vermittelt, dass aus einer Freundschaft zwischen zwei andersgeschlechtlichen Freunden eine sexuelle Beziehung hervorgerufen werden MUSS

Tim Endert
auf change.org

Ich hatte einen Mitschüler, der während der gesamten Abiturzeit einer meiner engsten Begleiter war. In vielen Dingen waren wir ähnlicher Meinung und/ oder konnten uns wunderbar austauschen. Insbesondere in Sachen Fußball, aber auch politisch, was Filme betrifft und bezogen auf schulische Dinge wie Unterrichtsinhalte, Fächerwahl, Lehrkräfte, Mitschüler – und Mitschülerinnen. Außerdem war er homophob. Nicht, im häufig verwendeten Sinne des Begriffs, sondern im tatsächlichen. Er hatte Angst. Etwa so, wie andere Menschen Angst vor Spinnen oder Mäusen haben – und das ist mitnichten ein Vergleich von Homosexuellen mit Tieren, sondern veranschaulicht ganz einfach am besten die Art, wie er mit Homosexualität umging. Er sprach sie niemandem ab oder verlangte, dass Homosexuelle in irgendeiner Weise rechtlich eingeschränkt sein sollten. Aber er fühlte sich in ihrer Gegenwart unwohl.

„So etwas wie Homophobie gibt es nicht. Es ist keine Angst. Du bist nicht ängstlich. Du bist einfach ein Arschloch!“

Morgan Freeman

Während unserer Abschlussfahrt waren wir in verschiedenen Bungalows untergebracht. Auch hier wurden die Gruppen nach Jungen und Mädchen eingeteilt und natürlich war es nicht erstaunlich, dass wir im gleichen Bungalow, also auch im gleichen Raum übernachteten. Ich habe keine Ahnung, wie er sich gefühlt haben muss als er herausgefunden hat, dass ich auch Männer mag. Oder was gewesen wäre, wenn ich mich dahingehend vorher geoutet hätte. Nicht nur aus diesem Grund habe ich das während meiner Schulzeit nie thematisiert. Auch heute mache ich das nicht von mir aus, es ergibt sich meistens aus dem Kontext, aus der Gesellschaft in der ich mich befinde oder weil das Thema Partnerschaften usw. zur Sprache kommt. Ich mache kein Geheimnis daraus, aber es ist für mich schlichtweg so normal, so selbstverständlich, dass ich keinen Grund sehe, darüber sprechen zu müssen. Niemand, wirklich niemand teilt anderen jederzeit unaufgefordert mit: „Ich bin übrigens heterosexuell!“

„Das Argument ‚es ist so, weil es immer schon so ist‘“*
Und selbst wenn ich es getan hätte, was wäre dann gewesen? Ganz sicher hätte es unter meinen Mitschülern viele gegeben, die damit nicht das geringste Problem gehabt hätten. Ganz sicher aber eben auch solche, die schon Schwierigkeiten gehabt hätten. Nicht zuletzt eben sogar in meinem engsten Umfeld. Schwierigkeiten, die eben darüber hinaus gehen, was ich möchte. Schwierigkeiten für andere, mit mir das Zimmer zu teilen. Nicht, weil sie Arschlöcher sind (auch, wenn es auch diese Art „homophober“ Menschen gegeben haben mag), sondern weil sie einfach in ihrer Pubertät und in ihrer Auseinandersetzung mit der eigenen und Sexualität im Allgemeinen und mit der Welt nicht auch noch die Auseinandersetzung mit gleichgeschlechtlicher Sexualität zustande brachten. Was also tut man, um auch auf sie Rücksicht zu nehmen? Wie so oft kann das einzige Ziel nur sein, auch andere Formen von Sexualität und sexueller Identität in den Köpfen, im Alltag der Menschen zu verankern. Und das beginnt bei den Lehrkräften. Solange Heteronormativität das „Idealbeispiel“ in den Köpfen ist und als der „Normalfall“ abgespeichert und vermittelt wird, müssen sowohl alle Kinder, die nicht in diese Schublade passen, befürchten ausgegrenzt oder zumindest benachteiligt zu werden, als auch alle, die diese Schublade wunderbar ausfüllen, dass sie nicht lernen, auch aus der eigenen Schublade, ja, aus dem ganzen Schrank hinaus zu sehen.

„Inhaltlich kann ich Ihnen versichern, dass der Schulleiter die Angelegenheit sensibel begleitet. Bei der Unterbringung während Klassenfahrten wird nach Geschlechtern getrennt und nicht nach sexueller Orientierung. Hätte der Schulleiter die sexuelle Orientierung von Schülerinnen und Schülern abgefragt und deswegen jemand anders behandelt, hätte er gesetzeswidrig gehandelt.“

Henning Lipski
Pressesprecher des Bildungsministeriums Mecklenburg-Vorpommern*

„Ich bin selbst Lehrer und kenne diese unsinnige Problematik.“**
Für Tim Endert werden in solchen Fällen Menschen in Geschlechterrollen gesteckt, in ihrer freien Entfaltung eingeschränkt und ihrer Persönlichkeitsrechte beraubt.Laut Antidiskriminierungsstelle des Bundes sei das Verhalten des Schuldirektors aber nach der aktuellen Gesetzeslage absolut richtig. Das sieht auch das zuständige Bildungsministerium so. Die logische Konsequenz für den Schüler: Das Gesetz muss geändert werden! Dafür startet er eine Petition. Die Regelung sei nicht mehr zeitgemäß.

Titelbild Klassenfahrt wird zum Horror

Petition auf change.org: Klassenfahrt wird zum Horror für viele LGBTs

Seine konkreten Forderungen:

  1. eine gesetzliche Grundlage, die diese Einteilungen abschafft
    „Es kann nicht davon ausgegangen werden, dass jeder Mensch heterosexuell ist. Jeder Mensch ist einzigartig, und jeder hat seine eigenen Präferenzen. Eine allgemeine Regelung ist nicht in Ordnung und veraltet. Es muss auf die persönlichen Begebenheiten der SchülerInnen eingegangen werden und gegen eine kompromisslose Abweisung sollte man sich wehren dürfen. Es ist unverständlich, dass mir als Schüler, oder dir als SchülerIn, oder Ihnen als Elternteil eines Kindes nicht die Freiheit gelassen wird, eine solche Entscheidung zu treffen (trotz Einwilligung der Elternteile)“
  2. eine Stellungnahme von Birgit Hesse (Schulministerin Mecklenburg-Vorpommern)
    „Als ich ihr das Problem schilderte, brach der E-Mail-Kontakt ab. Es kam mir so vor, als würde sie meine Anfrage ignorieren. Wir wollen aber Antworten, warum eine solche übertriebene Form der Heteronormativität im Schulwesen möglich ist und was unternommen werden kann, damit solche Konflikte nicht mehr auftreten.“

„Soll (…) die sexuelle Orientierung in diesem jungen Alter einfach als pubertäres Verhalten abgestempelt werden? Wenn im Schulwesen weiterhin derart pauschalisiert wird, wird Homosexualität wieder etwas unnormales werden, da stetig und potentiell davon ausgegangen wird, dass zwischen Jungs und Mädchen eine sexuelle Beziehung entstehen muss.“

Tim Endert
auf change.org

„Tut mir leid, aber meiner Meinung nach ist dies Diskriminierung.“
Vor wenigen Wochen wurde in Deutschland die Ehe für „alle“ geöffnet und ich diskutierte mit einigen Leuten, auch Angehörigen der sogenannten schwulen Community darüber, welche politischen Ziele es denn nun noch gebe, man habe ja alles erreicht, zumindest was Schwule und Lesben angeht. Es wurde der Gedanke geäußert, die politische Demonstration im Rahmen der Pride-Veranstaltungen, habe im Grund keine Daseinsberechtigung mehr, da alle politischen Ziele erreicht seien. Das Beispiel dieser eigentlich von Sexualität vollkommen losgelösten Thematik zeigt, dass das absolut nicht der Fall ist. Tim Endert sagt, dass Kinder und Jugendliche von diesem Erfolg nur sehr bedingt etwas haben. Auf den heutigen Schulalltag jedenfalls hat das einen Einfluss. Also muss die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit Themen wie Geschlechtsidentität, Heteronormativität und Alltagsdiskriminierung (zum Beispiel an Schulen) den eigentlichen Kern der politischen Forderungen ausmachen, bei denen es immer wieder Teilerfolge wie die sogenannte Ehe für alle gibt. Bildung, Aufklärung sind Aufgaben der Politik. Es kann nicht damit getan sein, der Gesellschaft hierzu Regeln vorzuschreiben, die sie zu beachten hat, womöglich ohne die Hintergründe zu verstehen. Denn es gibt sie wirklich, die Menschen, die nicht verstehen, dass und warum andere Menschen so anders sind, als sie selbst. Es ist im Interesse aller, ihre Zahl zu verringern. Natürlich ist diese Petition nur ein kleines Beispiel und nur ein absolut winziger Schritt. Doch sie kann dazu führen, dass sich die zuständigen Stellen mit der Thematik als solcher befassen müssen. Denn die Argumente für eine Geschlechtertrennung sind ja nicht alle falsch und veraltet. Sie pauschal abzuschaffen kann nicht die Lösung sein. Sensibilität und Fingerspitzengefühl sind gefragt. Es geht auch nicht (nur) darum, ob hier jemand diskriminiert wird oder nicht. Ganz offensichtlich entstehen aber durch die bisherigen Regelungen Probleme auf vielen Seiten. Deshalb dürfen sie zumindest infrage gestellt werden.

Ich habe zwar keine Lösung, aber ich bewundere das Problem.
Die Kommentare zum Thema unter der Petition aber auch auf Facebook zeigen, dass sich die Problematik einerseits bis hin zu Bundesbehörden zieht, bei denen auf Ausflugfahrten auch volljährige, verheiratete, homosexuelle und sogar tatsächliche Pärchen kein gemeinsames Zimmer belegen durften, andererseits aber auch deutlich anders gelöst werden kann:
„Ich unterschreibe, weil ich als schwuler Junge mit meinen besten Freundinnen auf ein Zimmer durfte, es keine Probleme gab und ich eine sehr schöne Zeit hatte. Genau die wünsche ich jedem anderen auch!“

Ich habe Erfahrungen mit den auftauchenden Problemen gemacht, verstehe aber auch die Gründe der Schulen. An der Stelle ist wahrscheinlich Sensibilität und Flexibilität in jedem Einzelfall seitens der Lehrkräfte/ Betreuungspersonen gefragt. Ich bin unsicher, ob man das von denen wirklich erwarten kann. Als Lehrer wüsste ich zum Beispiel nicht, mit Personen welchen Geschlechts ich mich damals untergebracht hätte und habe auch keine Ahnung, was ich als Schüler präferieren würde oder präferiert hätte.
Anders ausgedrückt: Ich habe zwar keine Lösung, aber ich bewundere das Problem. Zum Glück bin ich aber auch nicht Bildungsminister.


*Quelle: change.org
**Florian Ascher, change.org

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